Feine Freunde

Das ging ja fix.

Ganze zwei Tage haben die Arbeitgebervertreter des öffentlichen Dienstes mit den „Gewerkschaftern“ des Marburger Bundes verhandeln müssen und zack war der Abschluss unter Dach und Fach.

Die Tarifeinigung sieht eine lineare Gehaltssteigerung in drei Stufen vor und hat ein Gesamtvolumen von fünf Prozent. Die Ärztegehälter werden in einem ersten Schritt rückwirkend zum 1. September 2016 um 2,3 Prozent angehoben. Zum 1. September 2017 erfolgt eine zusätzliche Erhöhung um 2,0 Prozent und zum 1. Mai 2018 eine weitere Gehaltssteigerung um 0,7 Prozent. Analog zur linearen Gehaltserhöhung steigen im selben Umfang die Stundenentgelte des Bereitschaftsdienstes und der Rufbereitschaft. Die neue Entgelttabelle hat eine Laufzeit bis zum 31. Dezember 2018.

Soweit die Verlautbarung des Marburger Bundes.

Nun, eins wird mir hier wieder klar vor Augen geführt: Rechnen können sie nicht. Kein Wunder, dass so eine Heerschar von „Ärzteberatern“ bei Banken und Versicherungen so gut von ihrer Klientel leben können.

2,3 % im einen Jahr, 2,0 % im nächsten und 0,7 Prozent im dritten ergeben nur wenn man’s einfach aufaddiert 5 Prozent…. Versuchen Sie so eine Rechnung mal mit Ihrer Hypothekenbank…. Gutes Gelingen!

Aber sei’s drum. An Kleinigkeiten wie der langen Laufzeit möchte ich hier nicht herummäkeln.

Was allerdings – mal wieder – völlig untergegangen ist, ist die Einführung familienfreundlicherer Arbeitszeiten und neue Regelungen zum Bereitschaftsdienst.

Da gibt es – sofern man das Arbeitszeitgesetz ernst nimmt und nicht durch ‚opt out-Regelungen‘ aushebelt – immer noch die Unsitte, den zwanghaft am nächsten Tag durchzuführenden Freizeitausgleich vom vorher erwirtschafteten Bereitschaftsdienstentgelt abzuziehen. Macht unter der Woche ein – wenn auch nur leichtes – Minus. Weil der Dienst ja nicht mehr über 24 Stunden (inklusive Regelarbeitszeit) geht und geringer vergütet wird, als normale Arbeitszeit. Denn es besteht ja durchaus die Möglichkeit, dass man im Bereitschaftsdienst gar nicht durchgehend arbeiten muss, sondern auch mal eine oder gar mehrere Stunden schlafen kann. Dass diese Möglichkeit eine theoretische ist, weiss jeder, der in einem Haus der Maximalversorgung solche „Bereitschafts“dienste leisten musste.

Das Minus kann man dann „aufholen“, wenn man Wochenenddienste schiebt.

Familienfreundlich geht gewiss anders.

Und gerecht auch.

Mal gespannt, ob der Marburger Bund wie vor Jahren schon nach dem erfolgten Tarifabschluss wieder vollmundig und dröhnend gegen die bestehenden Bereitschaftsdienstregelungen zu Felde ziehen möchte.

Die Chance, hier etwas zu verbessern, wurde jedenfalls mal wieder ausgelassen.

Wer solche Freunde hat….

unerwünschte Wirkung

Tote nach Krebstherapie: Gröhe warnt vor unerforschten Wirkstoffen betitelte das Deutsche Ärzteblatt am 6.8. einen Bericht über die Reaktion des Gesundheitsministers auf die Todesfälle in einem alternativen Krebsbehandlungszentrum am Niederrhein.

Das greift leider viel zu kurz.

In Frage stellen müsste man eigentlich die in Deutschland einzigartige Praxis, sogenannte Heilpraktiker zuzulassen. Die gesetzliche Grundlage hierfür rührt noch aus der Zeit des Naziregimes her.

Man muss als Heilpraktiker eine Zulassung haben, die mit einer Überprüfung einhergeht, ob man gewisse Krankheiten und Krankheitszustände erkennt, die man nicht behandeln darf.

Eine Überprüfung, „ob man sein Handwerk beherrscht“, findet indessen nicht statt.

So einfach hätte ich das seinerzeit auch haben mögen, als ich mein Staatsexamen ablegen und nachweisen musste, dass ich grundlegende Kenntnisse der gesamten Medizin habe.

Bevor jetzt alle empört aufschreien: nein, ich glaube nicht, dass alle Heilpraktiker Scharlatene seien, deren Tätigkeit verboten gehört.

Ich glaube aber fest, dass – ähnlich wie beim „Schul“mediziner – eine Überprüfung stattfinden muss, was der einzelne Heilpraktiker denn so treiben will und natürlich auch, ob er das dann wirklich beherrscht. Einschliesslich einer berufsbegleitenden Qualitätskontrolle. Selbstredend möchte man dereinst auch lesen, dass nicht nur das Herztransplantieren an dieser und jener Klinik aus Qualitätsgründen eine Pause einlegen muss, sondern auch, dass dieser und jener Heilpraktiker aus den selben Gründen pausieren muss. Und genauso selbstverständlich wäre die Pflicht zur ständigen Weiter- und Fortbildung und der Nachweis dessen auch auf die Herrschaften vom alternativen Ufer auszuweiten.

Speziell bei der Krebstherapie sind die Hürden für Scharlatanerie in Deutschland viel zu niedrig – nicht die unerforschten Wirkstoffe schaden den Patienten, sondern die, die sie anwenden!

Warum also wird im Gesundheitswesen mit zweierlei Mass gemessen?

Finger weg!

Sollte die ärztliche Schweigepflicht für Angehörige sensibler Berufsgruppen gelockert werden? Die Diskussion über diese Frage gewinnt vor dem Hintergrund der Germanwings-Katastrophe an Fahrt. Der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer forderte eine Lockerung der Schweigepflicht für sensible Berufe: „Piloten müssen zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden. Diese Ärzte müssen gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein“, sagte Fischer der „Rheinischen Post“.

Der Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek (CDU) schlug eine Expertenkommission vor, die die Frage klären solle, wie mit ärztlichen Diagnosen bei Menschen in besonders verantwortungsvollen Berufen wie Piloten umzugehen sei. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte gegenüber der „Bild“-Zeitung, wenn Leib und Leben anderer Menschen gefährdet seien, sei „der Arzt verpflichtet, den Arbeitgeber über die Arbeitsunfähigkeit des Mitarbeiters zu informieren“. Weiter sagte er: „Dies gilt ganz besonders im Fall psychischer Erkrankungen und einer möglichen Selbstmordgefahr.“

Solches las ich heute im Internet-Auftritt der FAZ.

Und das von Leuten, die es besser wissen müssten.

Die ärztliche Schweigepflicht ist Grundstein des Arzt-Patienten-Verhältnisses.

Und daran darf nicht gerüttelt werden.

§ 203 StGB regelt das: Zur Verschwiegenheit verpflichtet sind unter anderem die Angehörigen folgender Berufe:

    Angehörige heilbehandelnder Berufe, wie Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Zahnärzte, Apotheker oder Angehörige assistierender Heilberufe, deren Ausübung eine staatlich geregelte Ausbildung erfordert – z. B. Gesundheits- und Krankenpfleger, Altenpfleger und Mitarbeiter des Rettungsdienstes,
    Berufspsychologen mit staatlich anerkannter wissenschaftlicher Abschlussprüfung,
    Rechtsanwälte, Patentanwälte, Verteidiger,
    Steuerberater, Notare, Wirtschaftsprüfer,
    Ehe-, Familien-, Erziehungs- oder Jugendberater sowie Berater für Suchtfragen in einer staatlich anerkannten Beratungsstelle,
    Mitglieder oder Beauftragte einer anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle,
    staatlich anerkannte Sozialarbeiter und Sozialpädagogen,
    Mitarbeiter eines Unternehmens der privaten Kranken-, Unfall- oder Lebensversicherung oder einer privatärztlichen Verrechnungsstelle,
    Amtsträger hinsichtlich ihnen bekannter Amts- sowie dienstlich bekannt gewordener Privatgeheimnisse
    Personen, die Aufgaben oder Befugnisse nach dem Personalvertretungsrecht wahrnemen,
    der Beauftragte für Datenschutz,
    Gehilfen der o. g. Berufsangehörigen. Zu den schweigepflichtigen Gehilfen eines Angehörigen der vorgenannten Berufsgruppen zählen z. B. in der Medizin alle Mitarbeiter, die dem behandelnden Arzt in irgendeiner Funktion zuarbeiten und dabei Kenntnisse von der betreuten Person erlangen. Der Kreis der unter die Schweigepflicht fallenden Hilfspersonen ist weit gefasst, nämlich „berufsmäßig tätigen Gehilfen“ und „die Personen, die bei ihnen zur Vorbereitung auf den Beruf tätig sind“ (§ 203 Abs. 3 Satz 1 StGB). Dazu gehören z. B. auch Steuerberater und ihre Angestellten und Laborpersonal, soweit sie „eine im unmittelbaren ärztlichen Zusammenhang mit der ärztlichen Behandlung stehende Tätigkeit“ ausüben. Bei Rechtsanwälten gehören dazu die Fachangestellten der Kanzlei, bei Rettungsdiensten alle Mitarbeiter der beteiligten Berufsgruppen.
    Personen, die beim Schweigepflichtigen „zur Vorbereitung auf den Beruf“ tätig sind, also z. B. Auszubildende, Berufspraktikanten im Verlauf eines Hochschulstudiums. [Zitiert nach Wikipedia]

Der § 203 StGB regelt auch, was unter die Schweigepflicht fällt. Und er regelt auch, wann die Schweigepflicht nicht gilt, wann im Gegenteil eine Auskunftsverpflichtung besteht. (Beispiel: Infektionsschutzgesetz, Auskunftspflicht gegenüber Sozialleistungsträgern).

Und er enthält einen Verweis auf § 34 StGB – da gibt es dann eine Rechtfertigung für die Nichteinhaltung der Schweigepflicht bei Interessenkollision mit höherwertigen Rechtsgütern. Wenn also der besagte Fliegerarzt suizidale Tendenzen erkennen würde mit der Konsequenz der Gefährdung für Leib und Leben anderer Personen, müsste er zumindest eine Weile lang über den § 34 StGB nachdenken… und entsprechend handeln.

Wie man sieht – keine Notwendigkeit, dass jetzt eilfertig populistische Politiker am Strafgesetzbuch herumfingern. Nach allem, was diese Regierung bislang fertig gebracht hat (Tarifeinheitsgesetz, Pkw-Maut), kann man davon ausgehen, dass sie es verschlimmern statt verbessern würden.

Nochmal: die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen sind ausreichend!

Und wenn man einen verpflichtenden Besuch beim Flieger-TüV vorschreibt, der seine Erkenntnisse sofort weitermeldet – da kann ich nur vermuten, dass es zu meist erfolgreichen Versuchen der Dissimulation oder gar vorsätzlicher Täuschung kommen würde. Schliesslich ist der „Loss-of-License“ der Super-GAU für jemanden, dessen Zukunft von ebendieser Lizenz abhängt. Und sichere Krankheitszeichen, die eine suizidale Handlung mit Einbeziehung Unbeteiligter – mithin der Tatbestand nach § 34 StGB für die Relativierung der Schweigepflicht – gibt es nicht.

 

Betriebswirtschaft kontra Gesundheit

Das deutsche Krankenhaus ist nach allen Versuchen, es in ein ökonomisch sinnvolles Institut zu verwandeln, das mindestens kostendeckend (öffentlich-rechtliche Betreiber) wenn nicht gar gewinnorientiert (private Betreiber) arbeitet, zu einer lebensfeindlichen Umgebung mutiert. Und zwar sowohl fürs Personal als auch für die Patienten.

In der Laienpresse – und nicht nur da – werden inzwischen Zusammenhänge zwischen Infektionsraten und sogar Überlebensraten einerseits und Streß beim Personal und Auslastung der Kapazitäten andererseits hergestellt und diskutiert.

Beispiel hier.

Gleichzeitig gibt es eine Initiative des Landes NRW,  den Krankenhäusern Vorgaben hinsichtlich der Stellenpläne beispielsweise für Intensivstationen zu machen. Warum eigentlich nur hier? Haben die anderen Bundesländer etwa keinen Bedarf?

Das stößt natürlich auf erbitterten Widerstand aller Finanzverantwortlichen in den Krankenhäusern. Die beispielsweise wie in der Neuen Westfälischen aus Bielefeld geschehen, eine Klage gegen einen solchen Bescheid ankündigen und immer noch negieren, dass da ein Zusammenhang zwischen Streß und Belastung beim Pflegepersonal und dem Outcome der Patienten auf der anderen Seite bestehen mag. Vogel-Strauß-Politik? Oder kaltschnäuziges Negieren wissenschaftlich untermauerter Erkenntnisse? Zumindest aber eine schlechte Aussenwirkung ist ihnen gewiss.

Bei aller Kritik kann ich deren Denkweise verstehen.

Das wissen doch alle BWL-Studenten im ersten Semester, dass man Kosten sparen muss, soll das Produkt bei nicht frei verhandelbaren Preisen noch Gewinn abwerfen. Grösster Kostenfaktor in Kliniken: das Personal. Und so wird outgesourced, zusammengelegt, Personal eingespart, wo es nur geht. Da ist jeder Trick recht. So zum Beispiel der, dass man eine Intensivstation formal mit ein paar Intermediate-Care-Betten ausstattet. Das bewirkt einen anderen  (niedrigeren) Personalschlüssel – wieder Kosten gespart. Dass die sogenannten IMC-Betten in Wirklichkeit regelmässig mit echten Intensivpatienten belegt werden – Pech fürs Personal. Die sollen dann halt sehen, wie sie fertig werden. Ist ja nur für den Moment…

Was hier Not täte, wäre das ehrliche Eingestehen, dass unsere Krankenhausfinanzierung dringend renoviert werden muss.

Und nicht nur in  Nordrhein-Westfalen!

Daseinsvorsorge ist das Stichwort. Wie bei der Bundeswehr, von der auch niemand verlangt, kostendeckend zu arbeiten. Die hält auch Dinge vor, die – hoffentlich – niemand jemals gebrauchen muss, aber die man einfach zur Hand haben muss, wenn es soweit ist.

Einem Krankenhaus Wettbewerb und ökonomisches Arbeiten zu verordnen führt halt dazu, dass man (früher wurde nach Liegedauer bezahlt) die Patienten länger dabehält, als nötig. Inzwischen werden wir – modern – nach Leistung(sgruppen) bezahlt und hier besonders nach Operationen. Art und Schwierigkeit sind entgeltwirksam. Wir schreiten also fort, von der Geiselhaft zur Körperverletzung. Wir werden (ob zu recht, darüber kann man streiten) beschuldigt unnötig oft und unnötig viel zu operieren. Das muss einfach mal aufhören, dass ein Patient das dumme Gefühl hat, es werde ihm etwas angetan, was er nicht nötig hat, nur damit die Kasse stimmt!

Das wäre mal eine schöne Aufgabe für eine Grosse Koalition, die damit beweisen könnte, dass es sich tatsächlich um eine solche handelt und nicht um eine „Koalition des kleinsten gemeinsamen Nenners“.

Tarifeinheit

Dem Vernehmen nach (zumindest steht’s in der MB-Zeitung MBZ Nr. 17 vom 30.11.2012) habe der NRW-Arbeitsminister eine Bundesratsinitiative  geplant, die die sogenannte „Tarifeinheit“ zum Ziel habe. Nun, auf der Webseite des Arbeitsministers findet man davon nichts. „Ihre Suche war ohne Ergebnis“ kommt als Meldung zurück, wenn man „Tarifeinheit“ eingibt.

Was versteht man denn unter „Tarifeinheit“?

Die einen sagen, dass damit gemeint sei, nur ein einziger Tarifvertrag könne jeweils in einem Unternehmen gelten und das sei der, der die Mehrheit der Arbeitnehmer erfasst. Alle anderen haben sich diesem Tarifvertrag anzuschließen.

Die anderen wollen, daß sich alle der Mehrheit der organisierten Arbeitnehmer anzuschließen haben.

Der Unterschied ist vernachlässigbar, schließlich führt dann in jedem Fall nur eine Gewerkschaft Tarifverhandlungen.

Damit könne man verhindern, dass Exoten wie beispielsweise Piloten, Lokführer oder gar die Ärzte mit ihren Forderungen das Lohngefüge der Allgemeinheit weit hinter sich lassen. Und im Zweifel durch ihre Arbeitskampfmaßnahmen Unruhe stiften.

Die Idee ist nicht neu. Und sie wird von einschlägig bekannten Persönlichkeiten immer wieder aufs Neue gefordert, damit nicht die Republik in einer fortgesetzten Streik-Orgie von Minderheiten untergehe. Man kenne die Streikwut solcher Splittergewerkschaften ja aus England oder dem  Süden Europas. Oder so ähnlich.

Und? Wäre das jetzt sinnvoll, wenn man – ja genau – das Grundgesetz zum Teil ausser Kraft setzen würde? Die Bildung einer Vereinigung zur Durchsetzung von Lohnforderungen oder sonstigen Arbeitsbedingungen wird nämlich vom Grundgesetz garantiert. Jedem!

Glauben Sie nicht?

Wie so oft, hilft mit Sicherheit ein Blick in die entsprechende  Grundlagenliteratur weiter:

Artikel 9 des Grundgesetzes besagt im Absatz 3 nämlich: „Das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, ist jedermann und für alle Berufe gewährleistet. Abreden, die dieses Recht einzuschränken oder zu behindern suchen, sind nichtig, hierauf gerichtete Maßnahmen sind rechtswidrig. […]“

Also, Ihr Lieben in Politik und Wirtschaft, hört endlich auf, von unserer Regierung oder vom Parlament grundgesetzwidrige Umtriebe zu fordern!

Schnipp-schnapp

So. Da hat es also das Oberlandesgericht Köln gewagt, in einem sensationellen Urteil das Wohl der Kleinstkinder über die Freiheit der Religionsausübung zu stellen. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit sei wichtiger. Also: im Zweifel für die Wehrlosen.

Wenn sich so ein Mitglied der Religionsgemeinschaft später aus mehr oder weniger freien Stücken verstümmeln läßt – nun bitte. Aber den Eltern als Sorgeberechtigten stehe eine solche Entscheidung nicht zu.

Ein Aufschrei ging durch die Republik. Natürlich sehen die hiesigen Juden das als Angriff auf ihre Religion. Der Bund mit Gott werde erst ermöglicht, wenn ein Knabe beschnitten sei. Die Mohammedaner schließen sich naturgemäß an. Verständlich.

Aber dass auch der deutsche Bundestag sich bemüßigt fühlt – Euro-Krise hin oder her, Afghanistankonflikt hin oder her – nach einer dringlichen gesetzlichen Regelung zu rufen, finde ich schon stark. Das Urteil müsse hinsichtlich seiner Konsequenzen „nachgebessert“ werden.

Selbst Ärzteorganisationen wie der Marburger Bund rufen wohlfeil nach einer gesetzlichen Regelung, denn die Religionsausübung dürfe in diesem Land nicht unnötig erschwert werden. Und da hört für mich der Spaß auf.

Hallo? Geht’s noch?

Ich darf mal daran erinnern, dass vor gar nicht langer Zeit eine Kampagne gegen die grausame Genitalverstümmelung bei Mädchen das Land überzog. Es ging da um Völkerschaften in Afrika, die ihren Mädchen Gewalt antun und diese zum Teil grausamst verstümmeln. Auch aus Tradition. Damit ihnen dann als erwachsene Frau der Lustgewinn beim Sex vorenthalten und somit die eheliche Treue erleichtert werde. Nur sind die zahlenmäßig natürlich nicht so stark, dass sie hier ebenfalls Rabatz schlagen könnten. Und wir stehen ja auch nur vor dem traurigen Ergebnis solchen Tuns – denn die Betroffenen werden weit aussserhalb unseres Einflußbereichs maltraitiert. Da kann’s uns ja egal sein. Aber immerhin, bei der weiblichen Beschneidung ist es auch den Politikern leicht gefallen, klare Ablehnung solcher Verstümmelungen zu äußern.

Gleiches Recht für alle! Man kann schlecht bei Mädchen verdammen, was man bei Knaben duldet.

Wo ist der Unterschied zwischen diesem grausamen Ritual und der rituellen Beschneidung kleiner Knaben? Ein jüdischer Mohel hat sogar in einer namhaften Zeitung zum Besten gegeben, das Ganze tue ja nicht mal weh – das Kind dürfe dann am Schluß der Zeremonie an einem mit Zuckerwasser und Rosenduft getränkten Läppchen lutschen und schlafe dann friedlich ein. (Bei anderer Gelegenheit wird von Trost durch ein in Wein getauchtes Läppchen berichtet).
Bei so kleinen Kindern sei das Nervensystem noch nicht richtig entwickelt und daher – denn Schmerzen kommen von den Nerven – sei das gar nicht schmerzhaft.

Ja, ich erinnere mich noch an die These, dass Frühgeborene mangels entwickeltem Nervensystem gar keine Schmerzen empfinden können sollten. Und so wurden dann die eventuell notwendigen Operationen ohne Anästhesie durchgeführt. Vivisektion, nur weil man gerne glauben wollte, was in den Büchern stand. Heute weiß man das besser. Und hat aufgehört, die Frühgeborenen zu quälen. Heute bekommen sie ganz selbstverständlich eine Narkose zur Operation.

Aber von diesem Aspekt mal abgesehen: wer gibt eigentlich einem Elternpaar das Recht, solche unumkehrbaren Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen? Womöglich möchte der Sohn gar nicht der jüdischen Glaubensgemeinschaft beitreten oder Moslem sein? Und wenn er sich dann als Erwachsener dagegen entscheidet? Zu spät, die Vorhaut ist ab. Soll ja gar nicht zu seinem Schaden sein – Studien, die ein häufigeres Auftreten von Peniskarzinomen bei Beschnittenen nachgewiesen haben wollen, werden gern ausser Acht gelassen. Allerdings: das Auftreten einer Meatusstenose ist leider häufig nach Beschneidungen ausserhalb einer Klinik.

Aber das ist es ja gar nicht!

Hierzulande herrscht eine verfassungsmäßige Trennung von Religion und Staat. Gleichzeitig wird die ungehinderte Ausübung der Religion garantiert – sofern nicht irgendwelche grausamen Rituale gepflegt werden. Also bitte, wir brauchen gar kein neues Gesetz! Steckt Eure Nasen mal in die Verfassung – da steht schon alles!

Wer also irgendwelche Körperteile unmündiger Kinder gottgefällig „tunen“ will, mag das tun – aber eben nicht in meinem Staat!

Kann es sein, dass die Kölner Richter als Einzige die Verfassung kennen?

N.B.: Die Religionsvertreter, denen nach eigener Aussage durch ein Verbot der Beschneidung das „Bündnis mit Gott“ unmöglich gemacht werde, sollten einmal kurz innehalten. Nichts ist unveränderbar. Auch die Beziehung zu Gott erfährt im Laufe der Zeiten Wandel – oder gibt es vielleicht immer noch unverändert rituelle Tier- oder gar Menschenopfer, wie sie zu Abrahams Zeiten üblich waren? Wer seine Beziehung zu seinem Gott an solchen Äußerlichkeiten wie der Beschneidung festmachen will, sollte dringend mal darüber nachsinnen, wie es kommt, daß Gott „den Menschen nach Seinem Bilde“ erschaffen hat. Und – soweit mir bekannt – war bei den Knaben das Präputium inklusive!

Zahlen, bitte…

Das Handelsblatt vermeldet in einem ausführlichen Artikel, es sei etwas faul im Staate Dänemark – genauer gesagt: im Gesundheitswesen. Dort seien speziell die Krankenhäuser ziemliche Kostentreiber! Das RWI habe in einer Studie herausgearbeitet, dass es eine nicht mit demographischen Veränderungen erklärbare Zunahme gewisser Operationen gebe. Da werde auf dem Rücken des Personals und der Patienten Geld gemacht. Ähnlich äußert sich auch die Ärztezeitung.

Jetzt wollen wir uns mal entspannt zurücklehnen und einen Moment in Ruhe überlegen. (Die Fachleute mögen mir meine vereinfachende Darstellung verzeihen, aber alle Details zu kennen, ist für diese Problematik ausnahmsweise mal nicht hilfreich).

Seinerzeit hat ein Krankenhaus Geld bekommen für die Dauer, die ein Patient dort zugebracht hat. Und nicht für den Aufwand, den das Krankenhaus mit ihm gehabt hat. Das heißt ganz lapidar: wenn Patienten eine teure Behandlung / Operation gebraucht haben, hat das die Kasse über die für diesen speziellen Patienten notwendige Liegedauer nicht bezahlt. Das war für das Krankenhaus ein Verlustgeschäft, das nur zu kompensieren war, wenn man andere Patienten eben ein paar Tage länger als nötig dabehalten hat. Man kennt sowas als „Mischkalkulation“ – jeder Kaufmann tut sowas. Stets und ständig wurden die Krankenhäuser für diese „überzogene“ Verweildauer kritisiert. Abhilfe musste her.

Die kam dann in Gestalt des neuen Entgeltsystems für Krankenhäuser, in dem jetzt die Liegedauer eher als Verlustbringer vorkommt. Es wird nämlich nach Fallgruppendurchschnittswerten bezahlt. Bekomme ich einen Patienten nach einer OP schneller wieder aus dem Bett und aus dem Haus, als in der Fallpauschale verankert, ist das positiv. Liegt er länger oder hat gar Komplikationen, die teuer und aufwändig behandelt werden müssen, geht das zu Lasten des Krankenhauses. Wen wundert es da, dass nun eine neue Art Mischkalkulation aufgemacht wird: die Verwaltung drängt  – gestützt auf die Fachleute für dieses System – gewisse Operationen häufiger und schneller durchzuführen. „Mehr ist Klasse, denn Mehr macht Kasse“. Und es geht noch weiter: waren früher Krankenhäuser mit vielen Betten im Vorteil, sind es nun die, welche möglichst wenig Betten (und  Personal) vorhalten, aber die vorhandene Bettenkapazität möglichst gut auslasten, das heißt mehr Patienten in weniger Zeit durchschleusen. Die Arbeitslast für das Personal steigt damit natürlich überproportional an. Was auch inzwischen jeder Experte anerkennt.

Ein „Profit-Center“ auf dem Rücken des dezimierten Personals. Und, so der Vorwurf den das Handelsblatt eifrig dem RWI nachbetet, auf dem Rücken der Patienten. Offen aussprechen tun sie es nicht, aber wer zwischen den Zeilen liest, erkennt deutlich: brauchen eigentlich so viele Patienten neuerdings eine neue Hüfte, ein neues Knie, eine Wirbelsäulen-OP? Auf Deutsch: operiert man die Leute, weil die es nötig haben, oder weil es Gewinne machen hilft?

Es ist nicht mein Anliegen – und auch außerhalb meiner Möglichkeiten – solch einen Verdacht zu erhärten oder zu entkräften.

Ich möchte vielmehr zu bedenken geben, dass die grundlegende Philosophie nicht stimmt. Wozu eigentlich die Krankenhäuser in gewinnorientierte Wirtschaftsbetriebe verwandeln? Wem nützt so etwas?

Wo ist das Krankenhaus geblieben, das sich um kranke Menschen kümmern musste? Manche Dinge tun wir einfach, weil wir sie können – und jemand da ist, der sie braucht. Ganz ohne finanzielle Überlegungen im Hinterkopf. Wollen wir wirklich, dass Krankenhäuser gewinnorientiert arbeiten? Dass gewisse Dinge aus Profitstreben passieren? Dann müssen wir auch in Kauf nehmen, dass andere eben aus finanziellen Erwägungen unterbleiben. Das wird eine schöne Medizin werden!

Wie sowas aussieht, kann man an der Pharmaforschung schön modellhaft ableiten: Gewinnversprechende Forschung wird forciert, fehlt die Aussicht auf Gewinn, wird  dankend verzichtet. Wie bei der Creutzfeld-Jakob-Erkrankung beispielsweise. Die „Zielgruppe“ ist nicht groß genug für eine lohnende Produkentwicklung. Wer will es da dem Unternehmen verdenken, das eben kein Geld in solche Forschung stecken mag? So sehr man auch das große Leid des Einzelnen bedauert – Helfen wäre doch zu teuer. Und darum forscht niemand, der mit dem Ergebnis Geld verdienen muss. Wollen wir so etwas wirklich?

Es gibt halt gewisse Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge, die Geld kosten und wenig lukrative Einkünfte versprechen. Staatliche Aufgabe halt. Wie die „Wir-schaffen-Sicherheit“-Bundeswehr beispielsweise. Wer möchte die privatisieren?

Nein, ich rede nicht dem National Health Service das Wort. Aber ganz aus der Finanzierung unserer Kliniken heraushalten sollte sich unser Staat eben doch nicht! Es braucht ein zukunftsfähiges Finanzierungssystem, das nicht die Krankenhäuser an den Rand der Pleite bringt, bloß weil mal wieder die Strompreise steigen oder eine Beschäftigtengruppe neue Tarifverträge ausgehandelt hat. Da müssen wir hin!

Fataler Fehlgriff

Heute in der Zeitung: der Direktor einer großen Kinderklinik bedauert den tragischen Zwischenfall, der zum Tod eines kranken Säuglings geführt hat, weist aber ein Verschulden jedweder Art weit von sich.

Was war Sache? Ein PJ-Student (also ein angehender Arzt vor dem finalen Examen und vor der Approbation) hat beim Säugling Blut aus dem zentralen Venenkatheter entnehmen sollen. Als er damit fertig war, griff er die (unsterile) Spritze mit einem Antibiotikum, das dem Kind in den Mund geträufelt werden sollte, vom Tisch und spülte damit den Katheter durch.

Natürlich sei der PJ-Student selbst und allein Schuld, so der Leiter der Kinderklinik, ein renommierter Professor. Man müsse den Studenten nicht beaufsichtigen, denn die Blutentnahme aus einem bereits liegenden Zentralvenenkatheter sei so einfach, dass das nicht mehr extra beaufsichtigt werden müsse. Jeder könne das. Und der Chefarzt versteht überhaupt nicht, wieso der Student zu der bereitliegenden Spritze gegriffen hat.

Die Klinik habe aber jetzt das Verfahren zur oralen Verabreichung von Medikamenten(-säften) geändert, diese dürften nicht mehr in Spritzen gefüllt werden, deren Anschluß an Venenkatheter passt.

Na, wenigstens das. Ich möchte nicht wissen, wie oft in dieser Republik Magensondenkost in den Zentralvenenkatheter und zentralvenöse Infusionen in einen Periduralkatheter gelangen konnten, bloss weil die verdammten Anschlüsse jeweils gepasst haben…. Personal ist knapp und immer in Eile – und Eile generiert Flüchtigkeitsfehler!

An dieser Stelle darf ich mich jetzt mal ein bißchen aufregen. Wenn ich höre, das Verfahren zur Blutentnahme aus liegenden Venenkathetern sei so einfach, dass niemand etwas falsch machen könne, geschweige denn dabei beaufsichtigt werden müsse, rollen sich mir die Fußnägel auf…. Die zuständige Ärztekammer sieht’s ürigens genauso, wie Herr Professor. Was mich nicht weiter überrascht. Dass die einem renommierten Professor und langjährigen Klinikleiter nicht ans Bein pinkeln würde – darauf hätte ich schon wetten können!

Na, Herr Professor, das Wort „Kathetersepsis“ schon mal gehört? Selbstverständlich kann man beim Hantieren mit einem Zentralvenenkatheter schon bei der Hygiene so einiges falsch machen. Meist bleibt es ohne erkennbare Folgen, aber nicht immer…

Und dann möchte ich mal auf den grundlegenden Denkfehler der Verteidigungsrede hinweisen: ein PJ-Student ist durch sein theorielastiges Studium sicher ein hervorragender Theoretiker, der trefflich mit den Stationsärzten diskutieren kann und sich bei der Chefvisite vom „Alten“ ausführlich examinieren lässt.

Aber das Praktische Jahr heißt so, weil man da ein paar praktische Grundfähigkeiten erlernen soll, die dem Jung-Arzt später den Start ins Berufsleben überhaupt erst ermöglichen sollen. Und das geht nun mal nicht ohne Aufsicht und Anleitung!

Sich jetzt dahinter zu verstecken, dass der dumme Azubi einen „Blackout“ gehabt habe – wie er selbst zitiert wird – macht die Sache nicht besser.

Wenn PJ-Studenten sich im Klinikalltag als pfiffig und einigermaßen geschickt erweisen, werden sie gewöhnlich gern mit Aufgaben zur selbständigen Erledigung betraut, statt sie anzuleiten. Schnell sind sie voll eingeplant in den Alltag – und ersetzen eine Arbeitskraft, statt dass man sie ausbildet.

Ich erinnere mich noch mit nachträglichem Schrecken an mein eigenes Praktisches Jahr – was war ich doch stolz, sooo viel selbständig tun zu dürfen!

Später kam dann die Erkenntnis: man ist ja doch noch kein fertiger Arzt und eigentlich darf man ja gar nichts selbständig und ohne Aufsicht…. Was, wenn etwas danebengegangen wäre? Welche Versicherung träte dann für mich ein?

Auch wenn’s lästig ist, seine Narkosen selber zu machen und zusätzlich noch so einen Theoretiker dabei zu haben, der jeden Handgriff analysieren und in seine Theoriewelt einpassen muss – bei mir durfte kein PJler allein ans Steuer!

So aber hängt man wieder mal den Kleinen und lässt die Großen laufen…. Ich sehe, es hat sich überhaupt nix geändert am System.

Nachhaltigkeit, die zweite

Kurz vor 12, als ein Streik schon beschlossene Sache war, gab’s doch noch einen Tarifabschluss im Bereich TdL.
Nach allem, was bislang darüber veröffentlicht wurde, ein wahrer Pyrrhussieg!
Gut: es gibt mehr Geld. Von den geforderten 5% linear blieben immerhin noch 3,6% übrig.
Besser: es gibt mehr Geld für die Zeiten im Bereitschaftsdienst – wenn auch von einer realistischen Vergütungsweise für die zu ungünstigen Zeiten geleisteten Arbeiten bei weitem nicht gesprochen werden kann. Zahlen Sie mal einen x-beliebigen Handwerker so, wie einen Arzt für nächtliche Inanspruchnahme – aber wundern Sie sich nicht, wenn der wackere Handwerker Sie fühlen lässt, was ein „Engländer“ ist und wir weh das Ding auf dem ungeschützten menschlichen Körper tut…
Schlecht: für die finanzielle Aufstockung entfällt dann der Anspruch auf Zusatzurlaub für Nachtarbeit!
Dieser Anspruch war auch durch im Bereitschaftsdienst verbrachte Nachtstunden ausgelöst worden.
Damit ist’s mal wieder ein Nullsummenspiel.

Darüber hinaus ist jetzt die Tariflandschaft für Ärzte so zersplittert, wie man sich kaum vorstellen kann. Nicht nur, dass der MB beinahe mit jedem Träger separate Tarifverträge ausgehandelt hat.

Die beiden größten Tarifverträge weichen sogar noch stark voneinander ab. Ich kann keine einheitliche Linie mehr erkennen – bei den VKA-Verhandlungen geht es derzeit im Wesentlichen um weniger Dienste, die zudem auch noch langfristig festgelegt werden müssen. Die TdL hat jetzt einen Abschluß bekommen, in dem mässig mehr Geld vereinbart wird – aber dafür sind die Zusatzurlaubstage für Nachtarbeit futsch. Keine Rede von einer Begrenzung der Anzahl an Bereitschaftsdiensten, keine Rede von langfristiger Festlegung.
Ist im Tarifbereich der Länder das familienfreundliche Arbeitsumfeld kein Thema? Gibt’s bei der TdL keine Nachwuchssorgen?

Ob solcher Zick-Zack-Maneuver gerät unsere „Gewerkschaft“ schon ein wenig in Erklärungsnot.
Wer bestimmt da eigentlich die Marschrichtung?

Nachhaltigkeit

Tja, das war ja interessant zu hören. Bin momentan auf der Sylter Woche der Anästhesie. Der Referent erläuterte, dass man, um die Abläufe im OP-Programm nicht unnötig zu verzögern, zur Anlage einer Regionalanästhesie sehr wohl schon den nächsten Patienten in die Einleitung bestellen könne, während die vorangehende Narkose noch laufe.

Die sogenannte „Münsteraner Erklärung“ der Grosskopfeten unserer Fachgesellschaft „Deutsche Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin“ (ich weiss, eigentlich kommen noch Notfallmedizin und Schmerztherapie im Namen vor, aber als ich damals eingetreten bin, hiess das noch so) erlaube eben unter bestimmten Rahmenbedingungen – mit Augenmass – doch, sich auf zwei Patienten aufzuteilen…

Die besagten Bedingungen beinhalten, dass eine FACHpflegekraft drinnen den schlafenden Patienten bewacht, während eine weitere FACHpflegekraft dem Arzt bei der Regionalen im Vorraum zur Hand geht.
Also eine klassische Parallelnarkose. Und was, wenn gleichzeitig drinnen der Patient eine schwere Komplikation entwickelt, währen draussen die Regionale in einen generalisierten Krampfanfall mündet? Von so aussergewöhnlich seltenen Fällen, in denen beide Patienten reanimiert werden müssen, will ich gar nicht erst reden. Extrem selten ist aber leider nicht gleichbedeutend mit unmöglich. Und wie ich mein Verhältnis zu Murphy und seinem Gesetz kenne – aber lassen wir das lieber.
In der anschliessenden Diskussion merkte eine Teilnehmerin ganz richtig an, man solle doch nicht die Sicherheit dem Kommerz opfern. Und ausserdem bei Chirurgen und Verwaltung falsche Begehrlichkeiten wecken. Nur wenige applaudierten ihr.

Da soll doch….
Möglicherweise hat die in den vergangenen Jahren wieder angestiegene anästhesiebedingte Mortalität doch nicht ihre Ursache in „den immer kränker werdenden Patienten“, wie ohne ausreichend fundierte Studien zur Erklärung spekuliert wird. Auch die vermehrt als Lückenbüsser auftretenden Honorarärzte mögen es am Ende doch – entgegen der Unterstellung des damaligen Präsidenten der DGAI, Prof. Schüttler – nicht sein.

In mir keimt der Verdacht, zunehmende „Konsolidierung von Ressourcen und Arbeitsabläufen“ – auf deutsch: die Hetze am Arbeitsplatz kann zu „sinkender Prozessqualität“ – auf deutsch: mehr Flüchtigkeitsfehler führen. Studien, die das klären, fehlen leider. Aber man kennt es aus anderen Arbeitsfeldern….

Da vermisse ich die gerade Linie bei den Grossen der Anästhesie. Nachhaltigkeit wird womöglich zum Unwort des Jahres 2011.

Und solange den Pflegekräften nicht per Gesetz die Kompetenz verliehen wird, die sie im Ausland z.T. haben, weiss ich auch jetzt schon, wer im Falle eines Missgeschicks letztendlich die Zeche zahlen darf: ich als verantwortlicher Narkosearzt. Ich allein, nicht etwa mein Chef oder gar die Grosskopfeten im Verband!

Also gut überlegt, denn das Eis ist dünn, auf das man die Kuh da locken will!