Die Bahn – schon wieder….

Heute früh kommt (verschämt) eine e-mail.

„Verspätungs-Alarm“.

Meine Reiseverbindung von Nürnberg Hbf nach Dortmund Hbf betreffend.

Es wird nicht ersichtlich, was denn nun mit der gebuchten Verbindung ist. Ich möge mich anhand des gültigen Fahrplans orientieren, steht da lapidar.

Ich informiere mich – und zu meiner Verblüffung fehlt am angegebenen Tag komplett der Zug, in dem ich noch vor wenigen Tagen problemlos eine Platzreservierung durchführen konnte.

Ei verbibbsch?

Vermutlich wegen der Bauarbeiten im Ruhrgebiet hätte dieser Zug Verspätung. Und da andere Züge auch Verspätung haben, hat die Bahn messerscharf aus der Tatsache, dass zwei Züge zur gleichen Zeit am gleichen Bahnsteig stehen müssten, Konsequenzen gezogen.

Da wird dann einfach ein Zug – mein Zug – ersatzlos gestrichen.

Der Versuch, zu einer anderen Uhrzeit zu reisen, ist zum Scheitern verurteilt. Alle Züge ausgebucht.

So habe ich denn meine komplette Reise neu organisieren müssen.

Die Fahrt von Nürnberg nach Dortmund findet jetzt so nicht statt. Also, nicht mit der Bahn.

Und wo ich schon mal dabei bin, kann ich auch gleich die ganze Bahncard kündigen.

Denn demnächst werden Käffer wie Bad Oeynhausen komplett vom Fernverkehr abgehängt. Hilft mir die Reise nach Minden oder Herford?

Keineswegs.

Wenn ich nach Westen will, ist Bielefeld mein nächster Anschluss an die grosse, weite Welt. Oder in östlicher Richtung Hannover.

Na, da kann ich auch gleich die ganze Reise mit dem Auto erledigen.

Danke, Bahn.

Reisesplitter – 3

Mit dem Reisemobil eine Tour durch das Festlands-Griechenland.

Noch zu DM-Zeiten. Wir hatten anfangs ausrechend Bargeld in Drachmen vorliegen, zweierlei Kreditkarten – was soll da schon schiefgehen?

Zu unserer Reisezeit befand sich allerdings halb Griechenland im Streik, Banken und öffentlichen Dienst betreffend. Wie unsere Bekannten uns erläuterten, habe man vor, die bisherige Pensionsregelung (20 Jahre öffentlicher Dienst reichen aus für eine kleine Rente) abzuändern und für alle deutlich zu verschlechtern. Dagegen richtete sich der Streik.

Uns als Urlauber liess das kalt. Klar, wenn man mit dem WoMo einfach weiterfahren kann, wenn die Müllberge anfangen zu stinken….

Aber zum Fahren muss man auch hin und wieder mal tanken.

Die Mastercard wurde abgelehnt – schliesslich müssen dazu die Banken arbeiten, damit die Tankstellenbetreiber an ihr Geld kommen. Als dann auch die zweite Karte keine Anerkennung mehr fand, wurde die Lage ernst.

Nur noch Sprit gegen Bargeld. Und bitte in kleinen Scheinen, Wechselgeld ist auch knapp.

Wir sassen in Itea am Hafen in einem Cafenion, zählten unsere Barschaft und beratschlagten, was tun sei. Bargeld für Sprit, dass wir ausser Landes kommen, wäre gerade noch genug da. Knapp aber doch. Aber nicht für weitere zwei Wochen Tour durch Festlands-Griechenland. Schade.

Dem Kellner fiel das auf.

Was für ein Problem uns denn bedrücke, wollte er wissen.

Kurz erklärt – er gab beim Zahlen noch zwei Tips, wo man vielleicht wieder zu Barem kommen könne. Wenn das nicht funktionieren sollte, mögen wir wieder zu ihm zurück kommen.

Gesagt, getan. Der eine Tip war denn auch gleich ’ne Niete – Bargeld habe man schon, aber nur für die eigenen Hotelgäste.

Aha. Freundlich bedankt und den Rückzug angetreten.

Der zweite Tip, die örtliche Post. Erstaunlicherweise wurde hier nicht gestreikt. Aber Geld? Nee, wenn der Kurier von der Bank mal möglicherweise wieder vorbeikomme, dann ja. Aber wann der kommt? Keiner weiss es. Der Streik kann schliesslich noch dauern.

Also wieder zurück zum Kellner.

Der bietet nun an, man möge ihm einen Euroscheck mit gewünschtem Betrag ausstellen, diesen und die EC-Karte mitgeben, er gehe dann zu seiner Bank und frage dort, er habe dort einen Cousin, der dann sicher helfen könne…

Ah ja. Ist klar. Euroscheck und Karte. Ihm mitgeben!

Das ist ja genau das, wovor uns die Sicherheitshinweise der Bank immer warnen, beides gleichzeitig aus der Hand zu geben.

Hmmm.

Irgendwie hat uns der Hafer gestochen. Mal sehen, was jetzt passiert.

Also getan, wie er vorgeschlagen hat.

Der freundliche Kellner entledigt sich seiner Schürze, leiht vom Kollegen dessen Fahrrad und verschwindet eilends.

Und für uns heisst es nun warten. Geduld.

Je länger wir da sitzen, wie die dämlichen Touristen, desto ungemütlicher wird uns.

Wie kann man nur! Einem wildfremden Menschen, von dem man noch nicht mal den Namen kennt, so vertrauen!

Der Frappé ist längst ausgetrunken, die düsteren Gedanken trüben nun endgültig die Stimmung. Wie macht man jetzt auf dem örtlichen Polizeirevier den Beamten klar, was man da für eine Eselei begangen hat? Gibt’s hier überhaupt eine Touristenpolizei mit Beamten mit Fremdsprachenkenntnissen?

Oh ach und weh!

Da plötzlich steht der Kellner wieder vor uns.

In der Hand das langersehnte benötigte Bargeld. Und unsere EC-Karte.

Mit grossem Pomp überreicht er uns beides.

Den Scheck werde man auch noch nach Ende des Streiks gutschreiben, hatte ihm sein Bekannter in der Bank versichert. Kein Problem also.

Ich: Moment, Sie haben doch Unkosten? Und geben uns die volle Summe in Drachmen in die Hand? Ja, das geht doch nicht! Sie müssen selbstverständlich eine Entschädigung für Ihre Mühe und Wartezeit bekommen.

Dankend lehnt er ab. Nein, keine Gebühr, keine Entschädigung!

Ich insistiere dennoch. Schliesslich hätte ich doch auf der Bank auch…

Nein und nochmals nein, er wolle keine Entschädigung.

Die Situation droht zu eskalieren, keiner von uns gibt so einfach nach – da plötzlich nimmt er doch die angebotene Summe, aber nur, wenn wir im Austausch von ihm ein Beutelchen Oregano akzeptieren, aus seinem eigenen Garten.

Deal.

Nochmals Dank an einen Helfer in der Not. Und ein Hoch auf die in Griechenland ubiquitären Cousins ;-))

 

Reisesplitter – 2

Da waren wir also in Bozen/Bolzano.

Und um die Zeit bis zur Rückfahrt unseres Linienbusses nach Steinegg/Collepietra noch ein wenig totzuschlagen, hatten wir nahe des Busbahnhofs einen Friseur ausgemacht.

Die Zeit langte wirklich noch, es war nicht voll bei ihm – und so sind wir hineingestolpert.

Oh. Ein nur italienischsprachiger Friseur.

Aber egal, so viel anders schneidet man in Italien ja auch nicht.

Ja, er habe Zeit, bedeutete er uns mit Gesten.

Ich nahm Platz auf dem Stuhl, der auch in Italien nicht anders aussieht, als bei uns.

„Norrrrmalll“ befahl er mehr, als er fragte.

„Normal, si, grazie“ gab ich zurück.

Flinke Finger machten sich ans Werk. Die Schere schnippelte eifrig, der Kamm kämmte meine Haare immer wieder und immer wieder und stets fand sich noch ’ne Kleinigkeit für die Schere.

Ein etwas mulmiges Gefühl beschlich mich doch. Wie dem Mann jetzt Einhalt gebieten, wenn er zu viel wegschneiden will? Wie „normal“ ist „norrrmalll“?

So sass ich da und befürchtete das Schlimmste.

Da hörte es auf.

Er hielt mir den Spiegel vor – und ich, in meiner Not, jetzt war wirklich genug abgeschnippelt, suchte nach einem Lob. Unüberbietbar sollte es sein und dem Meister auch gleichzeitig mit der Zufriedenheit das Signal geben, aufzuhören.

„Magnifico!“ entfuhr es mir.

Er sah mich mit unverkennbar grimmiger Miene an.

Verflixt. Was war jetzt schiefgegangen? Magnifico – grossartig. So erinnerte ich mich. Warum daher der zornige Gesichtsausdruck? Magenkrank?

Beim Bezahlen sah ich den Meisterbrief, gerahmt und am Ehrenplatz.

Darauf stand: „Ettore Magnifico, Barbiere„.

Ach so. Der kennt sicher schon alle Witze mit seinem Namen.

Nix für ungut, Meister.

Wolle Rose kaufe?

Man kennt sie aus den touristischen Hochburgen. Meist dunkelhäutige Menschen, die mit einem riesigen Bukett unter’m Arm durch die Kneipen ziehen. „Wolle Rose kaufe?“ ist ihr Schlachtruf.

Spätestens der zweite, der beim Essen oder der Unterhaltung stört, wird als lästig empfunden.

Wohl dem Wirt, der sich ihrer unter Verwendung des Hausrechts erwehren kann. Wehe dem, der das muntere Treiben toleriert. Spätestens beim dritten „Wolle…?“ machen wir uns einen geistigen Vermerk, dieses Lokal künftig zu meiden.

Etwas völlig Neues sind jedoch beim Abendessen störende wandernde Handwerksburschen.

Etwa wie im Fischhüs letztens.

Da betreten zwei zünftig gekleidete Wanderburschen das Lokal und erhalten auch tatsächlich vom Wirt die Erlaubnis zu ihrem nun folgenden Auftritt.

Gekleidet wie Zimmergesellen auf der Walz (das sind viele, auch andere Handwerke, da die Zimmermannskluft als einzige industriell gefertigt wird und damit bezahlbar ist), tragen sie jetzt in Reimen vor, dass sie leider nach der langen Reise nach Westerland „abgebrannt“ seien. Hmm, reim dich, oder ich fress dich.

Zur Bekräftigung werden die Wanderstöcke zweimal kräftig auf den Boden gestossen, dann beginnt die „Kollekte“. Einzeln gehen sie zu den Tischen und beginnen den Nahkampf. „Unser“ Ansprechpartner zeigt sich milde gestimmt, als meine Frau erklärt, Geld haben wir nicht übrig, da wir doch auch erst gerade angekommen seien. „Koi Problähm“ schwäbelt er und zieht weiter.

Am Nachbartisch erfährt er unverhofft, man gebe kein Geld, lade aber zum Essen ein. Das lehnt er, jetzt ungewohnt ungnädig, strikt und vehement ab.

Aha.

Ich kenne mich mit der Walz nicht so im Detail aus, glaube aber, dass wandernde Handwerksburschen eigentlich bei einem Meister ihrer Zunft vorsprechen. Der gibt ihnen Arbeit, so er hat, aber zumindest Wegzehrung und notfalls auch ein bisschen Geld. Vom Betteln in Gaststätten weiss ich nix, aber das muss ja nichts heissen.

Im Hui sucht die Bande das Weite.

Da bleibt nur die Frage, ob ich nicht lieber Rosenverkäufer unaufdringlich um mich haben möchte beim Essen…

Eines der letzten Abenteuer

der Menschheit, die man für Geld haben kann.

Eine Reise mit der Deutschen Bahn am Sonntag.

Wir hatten einen Wochenendtrip in die Hauptstadt absolviert und waren auf dem Rückweg.

Unser Zug fuhr „in umgekehrter Wagenreihung“ – ein beliebter Trick der Bahner, das Publikum auf dem Bahnsteig bereits zu sportlichen Höchstleistungen anzustacheln. Man wartet, bis die Einfahrt des Zuges per Lautsprecher angekündigt wird, macht eine kleine, bedeutungsvolle Pause – und los geht’s: „Bitte beachten Sie die veränderte Wagenreihung..“ Und das Inferno bricht aus. Da wird geschoben, gedrängelt, geschubst – super Erlebnis, diese unverhoffte menschliche Nähe!

Von vorangegangenen Episoden solcher Art hatten wir gelernt, aussen lang zu unserem Wagen vorzudringen. Das „Erst-mal-einsteigen-und-dann-zum-Platz“ führt dazu, dass man stehend und drängelnd bis Rathenow braucht, um nur zum Wagen zu gelangen, in dem der reservierte Platz wartet. Also in bester Schlussverkaufsmanier durchgedrängelt. Hauen, treten, beissen, spucken. Gefangene werden nicht gemacht!

Mit nur 10 Minuten Verspätung machte sich der IC dann Richtung Amsterdam auf.

Durch rabiate Beschleunigungs- und Bremsmaneuver hat der Lokführer dann bis Wolfsburg (ja, doch, da hält man fahrplanmässig – nicht immer, aber doch immer öfter) die Fahrgäste tüchtig durcheinandergerüttelt und ein wenig Verspätung aufgeholt.

Aber dann kam Hannover Hauptbahnhof. Der Tarpit der Deutschen Bahn. Man könnte den Dante’schen Satz: „Ihr, die ihr hier eingeht, lasst alle Hoffnung (auf pünktliche Weiterfahrt) fahren“ in grossen Lettern über den Eingang pinnen.

Auf irgendeinen verspäteten ICE muss da immer gewartet werden.

Diesmal jedoch war es überraschend einfallsreich, was die Bahn aufgeboten hat, uns zu unterhalten.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier ist Personalwechsel, allerdings warten wir das Eintreffen des Zugpersonals ab, das in einem verspäteten ICE zu ihrem Einsatz hier unterwegs ist. Voraussichtlich werden wir hier weitere 10 – 20 Minuten Verspätung erhalten.“ – Die Durchsage dieses Sachverhalts in englischer Sprache (oder was der Bahner dafür hält) erspare ich mir hier – einfach nur peinlich, wie die Bahn ihre mässig fremdsprachlich geschulten Mitarbeiter quält. Und die Ohren der Reisenden gleich mit.

Das verspätete Zugpersonal traf dann nach nur 18 Minuten ein, ergriff von ihrem Arbeitsplatz Besitz – und legte gleich nach: „Meine sehr verehrten… Die Klimaanlage in den Wagen 4, 5, 6, 7, 8 und 9 ist defekt, diese müssen evakuiert werden. Alle Reisenden mit Ziel Minden oder Osnabrück werden aufgefordert, auf der Stelle den Zug zu verlassen und mit dem da und dort bereitgestellten Regionalexpress weiter zu fahren..“ Frisches Personal – frischer Tatendrang.

Das Stichwort „Evakuierung“ liess archaische Ängste durchbrechen und so verliessen ca. hundert Reisende fluchtartig die Waggons. Und versuchten, den Regionalexpress zu entern, der mitnichten bereitgestellt wurde, sondern bereits gut besetzt aus Braunschweig gekommen war. Ob das die Klimaanlage dort verkraftet hat? Wir wissen es nicht. Der RE verliess deutlich vor uns den Bahnhof – wurde aber schon in Wunstorf aufs Nebengleis dirigiert, damit wir, der inzwischen 50 Minuten verspätete IC nach Amsterdam, ihn überholen konnten.

Was an unserer Klimaanlagen-Malaise durch die lange Standzeit in Hannover besser geworden war, erschloss sich nicht unmittelbar. Die genannten Waggons waren immer noch gut besetzt, von Evakuierung keine Spur. Inzwischen hatte die Aussentemperatur ja auch deutlich nachgegeben – die Sonne war hinter hoher Bewölkung verschwunden und so war die brüllende Hitze von 29°C im Schatten auf deutlich unter 28° gesunken.

Aber da ich ein IC-Ticket nebst kostenpflichtiger Platzreservierung erworben hatte, war ich in Hannover nur ganz kurz in der Versuchung gewesen, es den anderen Lemmingen gleich zu tun. Dann bin ich trotzig sitzen geblieben – und wurde mitnichten deswegen in irgend einer Form belästigt. Wie gesagt, die klimaanlagenlosen Wagen waren immer noch gut besetzt, eine Evakuierung hatte sich bis zu den Insassen nicht herumgesprochen und das Zugpersonal war mit Fahrkartenkontrollen und Auskunft-zu-vermutlich-verpassten-Anschlüssen-geben vollauf beschäftigt. Auch die hatten das Wort „Evakuierung“ inzwischen vergessen.

Mit einer knappen Stunde Verspätung erreichten wir unseren Heimatbahnhof – für Freizeitreisende ohne Zwang, irgendeinen Anschlusszug zu erreichen ein kleines Abenteuer – für alle anderen sicher nicht witzig.

Die Bahn hat nicht nur Personal- sondern auch deutliche Technik-Probleme. Was soll man von Klimaanlagen halten, die bei 29°C im Schatten ihren Betrieb versagen? Von Fahrplänen, die regelhaft am Freitag und Sonntag Nachmittag völlig aus dem Leim gehen, ganz zu schweigen? Da wartet ein schönes Stück Arbeit auf den Erneuerer der Deutschen Bahn!

Ach ja, wo sind die Zeiten geblieben, als man nach den Zügen noch die Uhr stellen konnte?

Ein Spruch von Lao-Tse kommt mir in den Sinn: „Der rechte Reisende hat weder einen festgelegten Fahrplan noch ein bestimmtes Ziel“.

Verdammt, woher kannte der die Deutsche Bahn?!

Und wieder ein Schritt zurück!

„Islamisten-Ausweis soll 10 Euro kosten.“ Und berechtigt nicht zur Ausreise aus der Bundesrepublik Deutschland. So sollen Islamisten daran gehindert werden, sich in Syrien der IS anzuschliessen.

So liest man heutzutage.

Während die einen noch überlegen, ob es besser ist, die Islamisten hier zu behalten oder doch aus- aber nicht wieder einreisen zu lassen, stellt sich mir eine ganz andere Frage.

Der Staat entscheidet, welcher seiner Bürger freizügig reisen darf, und welcher nicht.

Aufgrund welcher Kriterien?

Muss man bereits verurteilter Straftäter (mit radikal-religiösem Hintergrund) sein? Oder genügt das Vorliegen von Hinweisen? Die Länge des Bartes? Welche Hinweise? Wie werden die überprüft? Wo kann ich dann als Betroffener ggf. Einspruch einlegen? Welche Rechtsgrundlage hat dieser Spuk?

Da wird wieder ein Stück demokratisches Grundrecht ausgehöhlt. Die Reisefreiheit. Einer der Gründe, weshalb seinerzeit die eigene Bevölkerung die DDR abgeschafft hat. Und kein Aufschrei in der ach so freien Presse!

Wir bewegen uns mit stetigem Kurs auf Zustände zu, wie wir sie in der DDR heftig kritisiert haben. Was ist bloss los mit diesem Land?

Nicht mal die Grünen oder die Linken wagen es, dagegen laut zu werden.

Ich glaube, man kann bald nur noch auswandern, solange das noch geht….

sänk ju for träwelling..

Da haben wir’s mal wieder gewagt.

Weit und breit kein Wintereinbruch, kein (für diese Jahreszeit natürlich überraschender) Schneefall vorausgesagt. Die Luft schien rein. Was sollte schon schiefgehen?

Ja richtig, wir sind wieder mal Bahn gefahren. Mit dem IC von Minden nach Berlin und am gleichen Tag wieder zurück. Sollte ein entspannter Ausflug ins Neue Museum werden, Nofretete anschauen und dann noch ein bißchen Shoppen.

Der Start war dann schon wieder, wie man’s kennt. Bahn im Winterbetrieb. Der gebuchte IC habe voraussichtlich 25 Minuten Verspätung, teilte uns die Mitteilungstafel mit.

Gelegentlich war dann auch eine Durchsage gleichen Inhalts zu vernehmen.

Eine – wie auch immer schöne – Begründung wurde uns nicht zuteil – es reicht ja, wenn man auf Verspätungen aufmerksam macht. Autofahrer können ja auch nicht überall mit ungehindertem Fahren rechnen – also warum da über so läppische 25 Minuten Verspätung aufregen.

Man tut gut daran, nicht zu weit vom Bahnsteig wegzugehen. Von wegen, noch 25 Minuten für irgendwelche Erledigungen!

Denn schließlich betrug die Verspätung nur knapp 20 Minuten, ein bißchen aufholen konnte der tapfere Lokführer wohl. Weh dem, der nicht am Bahnsteig ausharrt!

Nach dem Betreten des Zuges erneute Verwirrung – unser Wagen war ja da, aber dunkel, kalt und unbesetzt.

Auskunft des „Servicepersonals“ – das sich gleich nach der Abfahrt in ihr „Serviceabteil“ zurückgezogen hatte wie in ein Schneckenhaus und auf die Störung ziemlich überrascht, aber immerhin freundlich reagierte – ja, der Wagen sei kaputt. Aber es gebe genügend Platz im Zug, wir möchten doch einstweilen mit selbstgesuchten Plätzen in anderen Wagen vorliebnehmen. Selbst. Suchen. Aha. Wofür war noch mal meine kostenpflichtige Reservierung?

Gesagt, getan. Im Wagen nebenan gab’s massenhaft freie Plätze.

Also kein Problem.

Dann fiel auf, dass die Reservierungsanzeige an allen Sitzen dunkel blieb. Hmm. Das kann natürlich Zufall sein – aber der geübte Bahnreisende glaubt erst an Zufall, wenn er weit genug von Einrichtungen der Bahn entfernt ist.

Und so nimmt es nicht Wunder, dass kurz nach Verlassen des Hannoveraner Hauptbahnhofs eine höflich, aber bestimmt vorgetragene Durchsage unseres Zugchefs darauf hinwies, dass die Reservierungsanzeige im gesamten Zug aufgrund technischer Probleme nicht funktioniere und man freundlicherweise den Platzkarteninhabern ermöglichen möge, ihre gebuchten Plätze auch einzunehmen. Ha! Wusst‘ ich’s doch! Es gibt keinen Zufall.

Nicht bei der Bahn!

Dass die ganze Zeit über das rote Licht für „Toilette besetzt“ in unserem Wagen leuchtete, konnte doch auch nur bedeuten, dass diese – wie beinahe schon üblich – defekt sei.

Nachgesehen: jawohl. Auf der Tür ein Aufkleber: „DEFEKT. Benutzen Sie bitte die Toilette in anderen Wagen“.

Dafür müsste man aber sehr weit laufen – denn die in unserem ursprünglich Platz-reservierten Wagen hatte auch so einen Aufkleber….

Dieser Wagen selbst war ab Hannover dann vollends geleert und – zugesperrt. Damit waren dann dieser und der letzte Waggon ohne Funktion. Nur der späten Stunde und dem geringen Passagieraufkommen ist es zu verdanken, dass niemand stehen musste. Und die Toilettenfrage nicht zu einer unlösbaren Aufgabe wurde.

Muss ich noch erwähnen, dass unsere Rückfahrt – in einem ehemaligen Nahverkehrswagen, oh welch ein Komfort! – ebenfalls durch das wie das Ewige Licht in katholischen Kirchen dauerleuchtende Toilette-besetzt-Licht gekrönt wurde? Natürlich auch hier kein „Stubenhocker“, sondern der freundliche Aufkleber mit dem Hinweis „DEFEKT – bitte benutzen Sie….“ auf der verschlossenen Tür.

Sänk ju for träwelling wizzz Doitsche Bahn. Heißt übersetzt: Danke, dass ihr noch nicht nach Alternativen sucht.

Warum nur kommen die jedes Jahr mit einer Preiserhöhung durch, wenn gleichzeitig Komfort und Sauberkeit ständig abnehmen?

Man darf der Einführung von Fernverkehrsbuslinien freudig entgegensehen!