Nice to have

Im Dezember letzten Jahres konnte ich der Versuchung nicht mehr widerstehen und habe sie mir gekauft. Die Apple-Watch Serie 4.

Mit LTE. Wenn schon, denn schon.

Online geordert und zur Abholung im Apple-Store Hamburg bestellt. Da war ich gerade auf einem Kongress und hatte Musse genug, sie mir selbst abzuholen.

Das ist schon was, so eine Abholung im Apple Store. Einfach hingehen und eine Weile warten, bis jemand das gute Stück vom Lager geholt hat, ist nicht. Man bekommt eine Nachricht aufs iPhone, wenn es soweit ist, dass man sich dem Tempel nahen darf.

Daselbst wird noch selbst das profane Abholen zum Shopping-Erlebnis.

Nach Betreten des Tempels erstmal Verwirrung. Wohin wende ich mich? Hier geistern Massen von Kunden zwischen grossen Tischen, auf denen mal hier ein MacBook, mal da ein iMac einsam stehen, herum. Gelegentlich, eindeutig in der Minderzahl, sind mit bunten T-Shirts uniformierte Mitarbeiter des Stores. Die aber sind umlagert. Eine ganze Runde durch den Store gedreht. Nirgendwo ein Schild, das den Abholwilligen anweist, wohin er sich wenden möge.

Ah, da entdecke ich so eine Art Zeremonienmeister, der am Eingang von den schon geübteren Kunden zunächst angesteuert wird und der denen Anweisungen zu erteilen scheint, wohin sie sich mit ihrem Anliegen wenden mögen.

Fatal, an dem war ich Unkundiger einfach freundlich grüssend vorbeigelaufen.

Also noch mal zurück und alles auf Anfang.

Ja, hinten links, da sei die Ecke derer, die auf Abholung warten. Ein Mitarbeiter werde sich meiner annehmen. Weshalb er mich bei dieser Auskunft aber permanent Duzen muss, erschliesst sich mir nicht. Vielleicht hat er ja früher im Robinson-Club als Animateur gearbeitet?

Auch hinten links in meiner mir zugewiesenen Ecke ein freundlicher junger Mann, der mein Enkel sein könnte und mich penetrant duzt. Nun ja, Schwamm drüber. Her mit der Watch und gut is….

Aber so einfach lässt er mich nicht ziehen. Ob er meine Watch gleich konfigurieren möge? Ernsthaft? Muss ich damit in die Werkstatt, wenn ich irgendwas einstellen möchte? Ich habe noch keine eSIM vorrätig und so lehne ich dankend ab. Das bisschen Einstellen kann ich doch wohl selbst? Kein Problem, er händigt mir nach ein wenig weiterem Brimborium das gute Stück dann doch aus. Bezahlt ist es – er hat’s überprüft, ebenso wie meine Personalien, damit nicht ein Fremder meine Uhr ausgehändigt bekommt. Und so verlasse ich schon nach einer halben Stunde den Tempel.

Ach ja, kurz drauf fragt mich Apple, wie denn mein Erlebnis im Store war, ob ich nicht eine kurze Umfrage mitmachen möchte…

Wertig verpackt ist die Uhr, das fällt gleich beim Auspacken auf. Ein Ladegerät, ein Ladekabel, ein kurzes Armbandstück, ein langes Armbandstück, ein Gegenstück, damit  man das Armband auch schliessen kann – muss alles noch an die Uhr gefummelt werden, klappt aber ohne Technikstudium und ist nach Anleitung in wenigen Augenblicken erledigt.

Jetzt noch die Uhr mit dem iPhone koppeln – und schon fällt auf, dass ohne ein iPhone die Uhr nix wert ist. Fast alle Konfigurationen einschliesslich Einlesen der eSIM werden am iPhone vorgenommen. Konfiguration der Zifferblätter, Auswahl derselben, Auswahl und Installation von Apps – alles ohne iPhone nicht machbar. Naja, wer so eine Watch haben möchte, kommt sicher auch nicht ohne iPhone aus….

Erste Ernüchterung: es lassen sich eine Menge Apps auf die Uhr installieren, die auch auf dem iPhone präsent sind. Allerdings ist der Nutzen doch sehr eingeschränkt: die eine Wetter-App weigert sich konsequent, Daten zu präsentieren. Angeblich findet sie den Ort nicht. Und so geht es weiter. Eine andere Wetter-App zeigt beharrlich Wetterdaten von Berlin. Ich bin aber in Hamburg!

Der DB-Navigator hat gleich was zu maulen, ich solle auf der App am Handy eine Verbindungsanfrage tätigen.

Die Banking-App meiner Bank lässt sich auch auf der Watch installieren, bevor es da aber irgendwie interessant wird, kommt die Aufforderung, ich möge auf dem Handy die App starten und freischalten, danach irgendwas auswählen.

Ja, so habe ich mir das vorgestellt. Die Verlängerung des iPhone mit anderen Mitteln.

Was prima funktioniert, ist die Schrittzählerfunktion. Angeblich kann die Aktivitäten-App automatisch erkennen, wenn ich trainiere. Sie fragt mich auch hin und wieder mehr zufällig, ob ich etwa jetzt trainiere und sie das Training aufzeichnen möge. Allerdings auch, wenn ich bloss zum Bäcker gehe. Die paar Schritte! Aber gern, fügen wir das als Training hinzu. Schliesslich will ja fleissig trainiert und bewegt werden, damit die App zufrieden ist. Nervig die ständige Aufforderung, man möge sich jetzt bitte bewegen. Oder auch nur mal aufstehen. Lässt sich aber gottseidank abschalten.

Die Navigation mit der Watch habe ich nicht ausprobiert, man sieht nur einen kleinen Ausschnitt der Karten-App und kann nicht beurteilen, ob man in die Irre geführt werden soll, oder ob der Kurs Sinn macht, den man mir empfiehlt. Dann doch lieber am iPhone, da sehe ich deutlich mehr auf der Karte.

Nach ein paar Tagen gab’s dann vom Provider die eSIM. Die zu installieren ist sehr kommod. iPhone fotografiert den Würfel-Code von der entsprechenden Seite des Kundencenters, die eSIM wird installiert und das Telefoniervergnügen mit der Watch kann losgehen. Allerdings muss man doch alleine im Raum sein, denn die Watch lässt den Gesprächspartner per Lautsprecher in die Gegend tröten, so dass alle Umstehenden lebhaften Anteil am Gespräch nehmen können. Müssen. Und die Netzbetreiber-Einstellungen am iPhone dürfen nicht ungültig sein, dann ist nämlich keine Verbindung mit der Watch möglich. Bei einem der letzten Updates des iOS erwischte mich genau das. Telefonieren mit der Watch nicht möglich, bitte aktuelle Netzbetreiber-Einstellungen anfordern und einspielen!

Die Notruffunktion habe ich – natürlich – nicht ausprobiert. Hält man die Seitentaste lange gedrückt, wählt das Telefon automatisch den Notruf (110? 112? – hängt von den Netzbetreibereinstellungen ab und sollte automatisch richtig sein) und übermittelt Positionsdaten. Sofern man nicht mehr sprechen kann, stirbt man nicht unentdeckt auf einsamen Feldwegen mitten in der Pampa, sondern wird womöglich noch vor Eintritt der Leichenstarre aufgefunden. Für Leute jenseits der 65 – oder auf Wunsch auch separat aktivierbar – gibt es eine Sturzerkennung. Diese fragt nach einem vermuteten Kollaps oder Sturz nach „Sind Sie gestürzt? Brauchen Sie Hilfe?“ und durch einfaches Schieben eines im Display eingeblendeten Schalters nach rechts wird die Notruffunktion aktiviert. Was aber passiert, wenn man auf diese Frage keine Reaktion mehr zeigt und gar nichts schiebt? Nach 60 Sekunden verliert die Watch die Geduld und kontaktiert den Rettungsdienst. Mit Standortangabe. Und ruft die hinterlegten Notfall-Kontakte an. Cool.

Inzwischen hat Apple die frühzeitig intensiv beworbene EKG-Funktion nachgereicht.

Naja, nett anzusehen, aber der diagnostische Wert ist eher gering. Ich sage nur 1-Kanal-EKG. Man sieht Zacken und kann meist sogar erkennen, ob ein Sinusrhythmus vorliegt. Wenn sich die P-Welle in der Ableitung darstellt. Wenn nicht – heisst das auch nichts weiter, als dass die gewählte Ableitung vielleicht unpassend ist. Mittels der Health-App des iPhone lässt sich sogar ein Ausdruck erstellen oder gar das EKG dem behandelnden Arzt als .pdf-file zustellen. Apple warnt jedesmal beim Starten, man könne mit diesem EKG keinen Herzinfarkt erkennen und die App ersetze nicht den Arztbesuch. Ehrlich sind sie ja. Eher nettes Gimmick.

A propos Gimmick, man kann die Uhr zum Sprechen bringen. Jaja, „Hey Siri“… Aber das meine ich nicht.

Wenn man Micky-Maus oder Minnie-Maus als Zifferblatt auswählt, wird die Uhrzeit angesagt. Da reicht ein Tippen aufs Zifferblatt, um die Ansage „Es ist XY-Uhr. Guten Morgen, Kumpel“ auszulösen. Tippt man erneut, bleibt es bei der Uhrzeitansage. Wohl damit man sich den frechen „Kumpel“ nicht leidhört. Tageszeitabhängig heisst es auch mal „Guten Tag“, „Guten Abend“ oder „Gute Nacht“ – „Kumpel“.

Das Zifferblatt ist dabei nett anzusehen, denn Micky oder Minnie wippt im Rhythmus der Sekunden mit dem Fuss, das teilt sich dem ganzen Körper mit, ein Arm dient als Stunden- und der andere als Minutenzeiger. Leider kann zumindest ich nicht exakt erkennen, ob auf diese Weise 20:14 oder 20:15 angezeigt wird.

Ach ja, Besitzer eines iMAC oder MacBook können ihre Geräte mit der Apple-Watch entsperren.

Man muss dazu aber leider beide Geräte im selben W-LAN angemeldet haben und auf beiden Bluetooth aktiviert. Das Entsperren funktioniert recht zuverlässig und kommod. Aber leider hat nach einer Weile mein iMAC nicht mehr regelmässig mitgespielt. Und die Watch war natürlich im W-LAN-Betrieb doch recht oft hungrig nach frischer Energie und musste ans Ladegerät.

Sollte man nicht allzu viel mit ihr herumtüdeln, kann man durchaus zwei ganze Tage ohne Nachladen auskommen. Dazu muss man sie aber über Nacht vom Arm nehmen, denn Herumdrehen oder Bewegen des Arms im Bett reichen völlig aus, um das Zifferblatt aufleuchten zu lassen. Und je unruhiger man schläft, umso eher überrascht einen die Mitteilung „Uhr laden!“ am nächsten Morgen. Oder man wählt die „Schwimmen“-Funktion, da bringen Bewegungen und Berührungen das Display nicht zum Leuchten. Auch „Theater“ hilft, da bleibt die Uhr dunkel, es sei denn man dreht wortwörtlich am Rad.

Apple-Pay funktioniert einwandfrei. Man muss die Funktion mit seiner Bank separat vom iPhone freischalten. Ist aber in wenigen Schritten erledigt. Und dann kann man großkotzig einfach die aktivierte Uhr an das Terminal beim Aldi halten und „pling“ erscheint ein Haken im Display und die Zahlung ist erledigt. Staunt aber meist niemand so richtig, denn das Ganze geht so schnell, dass das kaum einer mitbekommt. Sicher ist es auch, denn die Uhr erkennt, wenn man sie vom Handgelenk nimmt und will danach erst wieder alle Funktionen erlauben, nachdem man seinen Gerätecode eingegeben und sich als rechtmässiger Träger ausgewiesen hat.

Versuchsweise habe ich mal eine Golf-App installiert. Sie könne die Runde aufzeichnen. Leider klappt das nicht so, wie von der Garmin Approach S60 gewohnt. Die App steckt aber ordentlich voller Werbung (kann man sicher gegen Geld abstellen) und man nimmt unfreiwillig an der Betreuung durch Serien-e-mails teil, die man immerhin abstellen kann. Das Ergebnis einer aufgezeichneten Runde kann nicht so richtig überzeugen, Schlagweiten kann sie irgendwie gar nicht abmessen und auch bei der Darstellung des Spielverlaufs auf dem Course ist deutlich Luft nach oben. Die Positionsbestimmung per GPS frisst nur so Batteriestrom und ist leider recht ungenau. Also wieder deinstalliert, bleiben wir lieber bei der Garmin.

Es bedarf eines Armhebens um das Zifferblatt sehen zu können, sonst ist die Uhr schwarz. Dabei reagiert sie nicht ganz zuverlässig auf die Bewegung, meistens funktioniert’s, aber nicht immer.

Auch die Leuchtdauer des Zifferblattes variiert sehr – und sehr unvorhersehbar. Anfangs dachte ich, das hänge von der Batterieladung ab, aber das hat sich als Trugschluss herausgestellt. Es scheint seinen eigenen Gesetzen zu gehorchen.

Nervig: legt man die Uhr im dunklen Schlafzimmer auf den Nachttisch, dann leuchtet sie gefühlt eine Ewigkeit vor sich hin und stört die bereits schlummernde Ehegattin. Man kann die Leuchtstärke zwar mindern, indem man an dem seitlich angebrachten Multifunktionsrad dreht – aber nach dem Ablegen ist wieder die Standard-Einstellung aktiv.

Wenn ich genau darüber nachdenke, fällt mir jetzt nicht wirklich ein Grund ein, warum man so ein Gerät haben muss.

Aber Spass hat man damit schon – und jede Menge Motivation für körperliche Fitness. Kein „must have“, eher „nice to have“.

 

 

 

Lose Enden

Kürzlich hat sich ein Börsenmagazin des Themas „EDV im Gesundheitswesen“ angenommen.

Und natürlich eine Reihe von Aktien und Fonds empfohlen, die man jetzt kaufen müsse, wenn man an zukünftig gewinnträchtigen Entwicklungen nicht völlig vorbeigehen wolle.

Das sei ein „Wachstumsmarkt“, der zukünftig hohe Renditen erwarten lasse.

Eine der Firmen, deren Aktien eine starke Kaufempfehlung erhielten, stellt ein sogenanntes „KIS“ her, ein KrankenhausInformationsSystem.

Dessen Bedienung ist – das kenne ich aus eigener Anwendung – alles andere als bedienerfreundlich, fehlerverzeihend. Hakelig und langsam halt. Mit zweifacher Abfrage von Benutzername und Passwort, bis man endlich irgend etwas damit anfangen kann. Und hängt sich auf, wenn die Netzwerkverbindung durch hohe Nutzung zu langsam wird.

Administrativ ist das KIS sehr nützlich. Es gibt nahezu keinen Patienten, der abrechnungstechnisch durch die Maschen schlüpft. Fehler bei der Codierung, unvollständige Datensätze, die nicht abgerechnet werden können, fallen sofort auf und werden der Nachbesserung zugeführt.

Aber medizinisch?

Es gibt bestimmt bessere Systeme. Allerdings hat die Zeit bei diesem Börsenmagazin nicht gereicht, um gründlich zu recherchieren.

Lange ist es her, da hat die damals monatlich erscheinende Computerzeitschrift „BYTE“ über die EDV-Infrastruktur des Massachusetts General Hospital in Boston berichtet.

Das war so Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Medizinisch immer schon top, hatte das Mass Gen Ho viel Geld in die Hand genommen und ein KIS installiert, das umfassend und sicher alle Bereiche miteinander vernetzte. Laborwerte? Ein Mausklick. Röntgenbilder? Ein Mausklick. Diese vom Fachmann befunden lassen? Telefonkonferenz, beide Seiten sahen das gleiche Röntgenbild auf dem Schirm und mit der Maus konnte gezeigt und markiert werden.

Ein Traum.

Nie wieder kommt ein Patient erneut zur Aufnahme und die Krankengeschichte samt Unterlagen müssen erst mühsam im finsteren Keller aus dem Archiv gekramt werden. Man rät es schon: ein Mausklick….

Wir schreiben das Jahr 2018.

Wie viel von damals findet sich heute in der Krankenhauswirklichkeit wieder?

Ja, wir haben ein KIS. Ja, wir können Laborwerte aufrufen. Und Röntgenbilder.

Aber: wird der Patient entlassen, werden wichtige Bestandteile der immer noch in Papierform geführten Patientenakte auf Mikrofilm gesichert.

Und die restlichen Unterlagen?

Geschreddert. Datenschutz!

Wichtig sind zum Beispiel NICHT die Narkoseprotokolle. Auch wenn der Patient Besonderheiten in seinem Narkoseverlauf aufwies. Das Original des Narkoseprotokolls findet sich in der Patientenakte – nicht jedoch, wenn man die mikroverfilmten Dokumente aus dem Archiv kommen lässt. Weg ist es. Nicht mit mikroverfilmt. Einzig im Sekretariat der Anästhesie werden die Duplikate aufbewahrt.

Und so wundert es nicht, dass ich eines Tages einen Patienten vor mir hatte, der laut Schreiben der Hautklinik unseres Konzerns eine Allergie gegen ein Muskelrelaxans hatte. Dieses haben wir natürlich NICHT verwendet und alles schien gut.

Jetzt erscheinen die Operateure. „Oh, der schon wieder! Der wird hier jedesmal reanimiert, wenn ihr Narkose macht!“.

Warum? Keiner weiss es. Akte: leere Blätter bezüglich Anamnese und vorherigen Krankenhausaufenthalten. Keine alten Narkoseprotokolle, wo man hätte Informationen über den behaupteten Sachverhalt gewinnen können. Entlassungsbrief? Die Unterlagen sind noch auf dem Postweg….

Ja, auch bei meiner aktuellen Narkose kam es zu einer allergischen Reaktion auf eines der vielen verwendeten Medikamente.

Auch bei meiner Narkose musste er reanimiert werden, wenn auch nur kurz, bis er sich wieder stabilisierte.

Man hätte es wissen und vermeiden können, wenn unsere EDV diese Informationen auch gespeichert hätte. Oder meine Vor-Narkotiseure diese Informationen in geeigneter Form dem Patienten mitgegeben hätten. Es gibt einen sogenannten „Anästhesie-Ausweis“, gelb, stabiler Karton, auf dem mit wenigen Kreuzchen Besonderheiten eingetragen werden können. Aber der kostet Geld. Und wird daher häufig durch einen DiN A 4 Brief ersetzt. Den heftet der Patient bestenfalls in seine Unterlagen. Zuhause. Und davon haben wir nichts.

Und dabei sind wir wieder beim Thema: die Krankenhaus-EDV gibt’s nicht her. Zwar gibt es einen Reiter „Anästhesie-Besonderheiten“ im OP-Protokoll, aber die dort eingetragenen Informationen kommen nicht automatisch wieder auf den Schirm, wenn der Patiente eine erneute Narkose erhalten soll.

Man könnte so etwas natürlich auf der Gesundheitskarte des Patienten vermerken. Aber für die bräuchte es ein Lesegerät, das wir im OP nicht haben. Und auf der Gesundheitskarte wird nichts gespeichert. Datenschutz. Noch immer ist der medizinische Nutzen der Karte gleich Null. Es gibt Dutzende von Absichtserklärungen, die aber nicht in die Tat umgesetzt werden. Datenschutz.

Der Datenschutz hindert mich auch daran, auf Patientendaten anderer Fachabteilungen zuzugreifen. Also internistische Patientendaten sind für mich tabu. Auch, wenn der internistische Patient plötzlich zum chirurgischen wird, weil wir ihn operieren und narkotisieren sollen. Labor und medizinische Daten? Tabu. Erst, wenn er im System verlegt wird, ändert sich das. Bis dahin habe ich aber eine Prämedikationsvisite durchzuführen, bei der ich natürlich auch Laborwerte ansehen muss. Aber nicht kann. Es sei denn, ein freundlicher internistischer Kollege ruft diese Daten für mich auf.

Hey, ich bin Arzt! Ich gucke nicht aus Langeweile in den Laborwerten von Frau Meier herum, wenn ich mit Frau Meier nix zu tun habe. Mein Tag ist auch so schon ausgefüllt genug. Also warum bindet ihr mir einen Arm auf den Rücken und dann soll ich Tischtennis spielen? Mit Augenbinde!

Datenschutz!

Nebenbei bemerkt: es gibt einige verschiedene KIS, die miteinander nicht vernetzt und kompatibel sind. Wenn Krankenhaus A irgend etwas einträgt, steht diese Information in Krankenhaus B nicht zur Verfügung. Sekretariate von Anästhesieabteilungen sind üblicherweise nur rund 38,5 Stunden in der Woche besetzt. Und meist nicht in der Lage, die gewünschten Daten schnell und umfassend zur Verfügung zu stellen, wenn man nicht genau sagen kann, wonach man sucht. Name und Datum der Narkose? Geht, nicht aber Name und ungefährer Zeitraum der gesuchten Narkose. Und schon gar nicht nachts und am Feiertag oder Wochenende.

So begeben wir uns dann halt auf den Blindflug.

Um dem ganzen Unternehmen „Digital Health“ einen Nutzen zu geben, bedarf es grosser Investitionen in die Hard- und Software. Deren Notwendigkeit muss man der administrativen Seite erst vermitteln.

Das wird nicht einfach, denn sogar die meisten medizinisch Verantwortlichen sind leider mit dem Ist-Zustand zufrieden.

Darüber hinaus müssen einheitliche Standards entwickelt werden, damit die gesammelten Informationen auch Sinn machen. Sie müssen nämlich austauschbar sein, unabhängig davon, welcher Hersteller Hard- und Software für ein Krankenhaus geliefert hat.

Die Gesundheitskarte muss endlich die wichtigsten medizinischen Daten des Patienten speichern, nicht nur abrechnungsrelevante.

Und überall von berechtigten Nutzern auslesbar sein.

Da ist die Politik gefordert, endlich mal die vielen losen Enden zu verknüpfen….

Folgt man der Empfehlung, „Digital Health“ Aktien und Fonds zu kaufen, muss man einen sehr langfristigen Anlagehorizont haben. Zumindest hier in Deutschland.

 

Wunderbare Welt der Schwerkraft

Inzwischen posaunen es auch die Nicht-Fachzeitschriften herum: WOT steht im Verdacht, Nutzerdaten zu sammeln und gezielt zu verkaufen.

WOT steht für Web Of Trust und ist ein kostenfreies Browser-Add-On, das dem Nutzer dann mit grüner, gelber oder roter Markierung den unterschiedlichen Grad an Vertrauen signalisiert, das dieser der aufgerufenen Website entgegenbringen kann. Nutzer werden eingeladen, sich zu registrieren und bei der Bewertung von Webseiten mitzuwirken.

Alles wirkt friedlich und nützlich.

Aus den Erklärungen auf der WOT-Webseite:

WOT OVERVIEW
Web of Trust (aka WOT) is a known worldwide website reputation and rating service that helps you make informed decisions about whether to trust a website or not when you are searching, shopping or surfing online. WOT increases your personal online security and web safety. Web Of Trust is based on the Crowdsourcing Approach. Millions of users rate websites throughout the Internet and share their personal experience. This helps you avoid online threats that only real life experience can detect, such as scams, untrustworthy links, rogue web stores, etc.

Im Kleingedruckten dann liest man aber, dass WOT auch Daten der Nutzer sammeln und zu eigenen Zwecken nutzen darf.

Klingt auch erst mal unverfänglich. Wenn man’s liest, denn aufdrängen tun sie sich nicht damit.

Und sicher klickt man erst mal automatisch auf „OK“, wenn man auf Nutzungsbedingungen und die Einwilligung dazu hingewiesen wird.

Dass aber Nutzerdaten, wenn auch oberflächlich anonymisiert, später zum Verkauf an Werbetreibende angeboten werden – ja, das mag man gar nicht glauben, denn vordergründig ist WOT ja dafür nicht gedacht. Oder doch?

In der „Privacy Policy“ liest sich das noch recht harmlos umschrieben – aber immerhin, man kann es lesen, wenn man sich durch das „Kleingedruckte“ quält.

Nun bin ich immer etwas erstaunt, wie überrascht manche Leute darüber sind.

Oberster Grundsatz des Lebens: Es gibt nichts umsonst auf der Welt.

Nochmal: nichts.umsonst. (Ausschneiden und hinter die Ohren kleben. Sofort!)

Ist man Mitglied irgendwo, sei es Facebook, Twitter, Instagram etc. pp., so zahlt man immer bargeldlos. Nämlich mit seinen Daten, seinem Nutzerverhalten. Seinen Kontaktdaten – wenn man den jeweiligen Apps erlaubt, im Adressbuch des Rechners nach Bekannten und Freunden zu stöbern. Whatsapp hat jetzt eine Querverbindung zu Facebook. Und so weiter und so fort.

Überall streut man seine Daten um sich, sei es, dass man brav alle Felder des Profils ausfüllt, sei es, dass man eine Gewinnspielteilnahme online tätigt. Oder „kostenlosen“ Cloud-Speicherplatz bei Amazon, Dropbox und wie sie noch alle heissen, nutzt.

Immer zahlt man für die „gratis“-Apps und -Dienste.

Immer.

Wer das nicht will – kann den Stecker ziehen.

Im Falle der Browser-Add-Ons wie WOT nützt natürlich kein „Modus für anonymes Surfen“, keine Virtual-Private-Network-Installation – der Feind steht in den eigenen Reihen und schaut mir über die Schulter. Bei allem, was ich da so tu, wenn ich glaube, anonym unterwegs zu sein.

Eine gute Übersicht über die Sicherheit beim Surfen liefert heise.de und ein empfehlenswerter Artikel der C’T.

 

Workforce

Tja, da ist er also, der neue Drucker.

Ein Epson Workforce 7610. Der kann jetzt auch endlich die grossen DiN C4-Umschläge bedrucken, hat eine veritable automatische Duplexfunktion und kann sowohl per Vorlageneinzug als auch per „Handauflegen“ scannen.

Soweit die frohe Botschaft.

Leider fehlt mir nach dem Auspacken jedwede Gebrauchsanweisung, die das Setup schön übersichtlich erläutern könnte. Die beiliegenden Zettel erklären mich in ungefähr hundert bekannten und unbekannten Sprachen zum Glückspilz, der sich schier doof und dämlich freuen darf, so ein ausgereiftes Produkt wie diesen Epson-Drucker nunmehr sein eigen nennen zu dürfen. In bunten Bildern wird mir mitgeteilt, dass weder Colaflaschen im Einzelblatteinzug noch ein Einsatz unter Wasser diesem High-Tech-Kunstwerk in irgendeiner Weise förderlich seien. Gut zu wissen!

An ein komplettes Handbuch ist ja heutzutage überhaupt nicht mehr zu denken. Aber so ganz ohne „How to setup this fu****g printer“ will’s mir nicht wohl sein. Also mal von allen hundertfünfzig Klebestreifen befreit und dann aufgestellt und mutig eingeschaltet.

Ein hochwohlmelodischer Gong vermeldet, dass der Drucker dienstbereit sei. Zunächst führt mich aber die Maschine per Touch-Screen interaktiv durch den Setup-Prozess. Ach, darum kein Papier! Datum und Uhrzeit, Land, Erdteil, Sprache sowie GPS-Koordinaten des neuen Standorts wollen eingegeben werden. Dann erscheint ein frohgemutes „Setzen Sie jetzt die mitgelieferten Tintenpatronen ein und drücken dann ‚weiter'“.

Hui, da kommt Action auf – schliesslich wollen sämtliche vier Patrönchen von widerspenstiger Plastikumhüllung und Klebefähnchen befreit werden.

Ärgerlich gongt der Drucker vor sich hin. „Bitte setzen Sie jetzt die mitgelieferten….“ Jajaja, komme gleich!

Dann öffne ich erwartungsvoll den Drucker – und kann beobachten, wie der Druckkopf (ohne die Patronen) ziellos auf seinen Schienen hin- und herfährt. An ein Einsetzen von Patronen in das bewegte Objekt ist natürlich nicht zu denken.

Da, jetzt steht er still.

Der erste Versuch, die Verriegelung für die Tintenpatronenhalterung zu öffnen, schlägt fehl. Blitzschnell fährt der Druckkopf nach links, als er meine vorsichtige Annäherung bemerkt und quetscht mir dabei fast die Finger ab!

Auch ein beschwörend gebrülltes „Bullshit!“ lässt ihn nicht innehalten.

Er fährt solange wild hin und her, bis ich völlig entnervt den Drucker ausschalte.

Da fährt er ganz nach rechts in seine Parkposition – aber auch da kriege ich den Bügel, der die Patronen verriegeln soll, nicht auf.

Also erneut einschalten – und natürlich das Setup erneut von Anfang an durchlaufen, da es ja nicht abgeschlossen wurde, wurde auch nichts gespeichert. Nein, nicht mal ein Zwischenstand!

Also wieder den Stand der Sonne, Sprache, Datum und so weiter fröhlich ein zweites Mal eingegeben. Dabei kann ich auf’s Neue bewundern, wie unglaublich interaktiv das Setup ist und wie unglaublich leicht sich der Touch-Screen bedienen lässt, wenn man nur die Colaflasche aus dem Einzelblatteinzug weglässt.

Wir kommen wieder an die Stelle, an der ich aufgefordert werde, nun aber die Tintenpatronen einzusetzen.

Schwups, ziehe ich den Stecker, nachdem der Druckkopf auf seiner ungebremsten Reise zwischen Hin und Her sowie Retour eine mir genehme Position erreicht hat. Klack – alles steht, nichts bewegt sich mehr! So wollte ich das. Hähä, nix mit Finger-abquetschen!

Nun lassen sich auch die Tintenpatronen einsetzen und korrekt verriegeln.

Es fällt mir beim dritten Mal erstaunlich leicht, das Setup-Programm erneut zu absolvieren. Als ob ich das schon mal geübt hätte…. Und im Hui sind wir druckbereit!

Tja, moderne Zeiten halt. Alles so schön intuitiv und selbsterklärend! Oder hätte zum Einsetzen der Tintenpatronen etwa die Colaflasche in den Einzelblatteinzug gehört? Leise Zweifel keimen.

Nun entdecke ich auch nach dem finalemente durchlaufenen Setup, dass der Drucker über ein Wartungsprogramm verfügt, das mir den Druckkopf in eine genehme Position befördert und dort anhalten lässt, damit ich Tintenpatronen tauschen kann. Geduldig wartet er dort ab, bis ich per Touch-Screen den erfolgreichen Abschluss der Mission vermeldet habe.

Bleibt nur das Rätsel: warum zum Geier kann das Setup-Programm an der entsprechenden Stelle nicht dahin verzweigen?

Oder wo war jetzt der Trick, der ohne Stecker-Ziehen zum Erfolg geführt hätte?

Ich muss unbedingt das Handbuch haben!

Gesagt, getan. Auf der Epson-Webseite habe ich nach langem Probieren einen passenden Link entdeckt und das Handbuch herniedergeladen. Ausdrucken mochte ich es nicht, da es – auch seulement in deutscher Sprache – mehrer hundert Seiten umfasst. Ja, Danke Epson, dass du dem Waldfrevel widerstanden hast!

Leider erfährt man im Handbuch manches nicht, manches sogar falsch.

Die Nutzung des Einzelblatteinzuges (ohne Colaflasche, die Tintenpatronen sind doch schon drin, Mensch!) beispielsweise.

Im Handbuch wird erläutert, dass man diesen aufklappt, auf das zu bedruckende Medium justieren soll und dann erst einen Druckauftrag abschicken, bevor man das Medium in den Einzelblatteinzug steckt.

Habe ich einmal versucht – kann nur dringend davon abraten!!

Den Druckauftrag quittiert der Drucker (ist ja noch kein Medium im Einzelblatteinzug) mit einer Fehlermeldung. Sinngemäss „Das im Druckauftag verwendete Medium passt mit seinen Massen nicht zu dem im Druckerschacht befindlichen Papier! Ignorieren? Fortfahren? Abbrechen?“

Egal, was man jetzt anwählt, in der nächsten Instanz müht sich der Drucker hörbar und kämpft um den erfolgreichen Einzug des nun in den Einzelblatteinzug gesteckten Mediums – um dann kurz drauf „Papierstau! Öffnen Sie die Klappe auf der Rückseite und beseitigen Sie diesen! Melden Sie Vollzug per Touchscreen!!“ auszugeben.

Man kann soviele Klappen öffnen, wie man will – Papier staut sich da nirgendwo. Also Vollzugsmeldung (in gebührender Habt-Acht-Stellung des Delinquenten). Und das Drama beginnt seinen Lauf von neuem. Und so weiter und so fort. Man bekommt ganz schön Bewegung dabei, aber keinen Druck des beanstandeten Mediums.

Erst, wenn man – völlig querdenkerisch – die Gebrauchsanweisung ignoriert und ketzerisch vor dem Absenden des Druckauftrages schon mal das zu bedruckende Medium in den Einzelblatteinzug rammt – fördert dieser das Ding auf Anfangsposition und die Meldung poppt auf „Medium im Einzelblatteinzug! Bitte passenden Druckauftrag erteilen!“ Ecco lò! So herum geht es!

Das war den Handbuchschreibern sicher zu einfach, das war jetzt mal so richtig intuitiv und selbsterklärend.

Die alte Weisheit stimmt also: Mit einem guten Handbuch werden komplizierte Dinge noch komplizierter!

Aber als Drucker funktioniert er gut…. wenn man denn weiss, wie man’s anfangen muss.