Corona – das Fragezeichen droht zum Ausrufezeichen zu mutieren

Während Herrn Lindner auffällt, die Kanzlerin rede zu ihren Untertanen wie mit Kindern, legt Herr Steinmeier, der Bundespräsidentendarsteller mit salbungsvollen – aber nichtssagenden Worten – in seiner verfrühten Osteransprache nach. So viele Allgemeinplätze und Binsenweisheiten aus dem Mund unseres Staatsoberhauptes…

Unsere Kanzlerin gibt in einem Interview zum Besten, China und die USA könnten leider kein Beispiel für uns darstellen. Die einen hätten zu streng reagiert, und die anderen, geschart um ihren unsäglichen Führer Trump, zu verharmlosend und langsam.

Ja. Und das aus dem Munde einer Regierungschefin, die beides auf dem Kerbholz hat, nur in umgekehrter Reihenfolge…

Und was machen die Ärzte derweilen?

Was Ärzte immer tun. Sie streiten sich.

Da sind die Virologen. Einer, Professor Streeck, hat die Einwohner einer Gemeinde im Kreis Heinsberg komplett untersucht und zieht daraus seine Schlussfolgerungen. Alles halb so wild, könnte man stark vereinfachend als Fazit drunter schreiben.

Sofort regt sich heftiger Widerspruch von namhaften, aber bisher glücklosen Beratern unserer Regierung. Der, der erst das Tragen von Masken für sinnlos, dann nach einer Weile des Nachdenkens für doch nicht so sinnlos erklärt hat, widerspricht vehement den Schlussfolgerungen seines Kollegen.

Nun, genau so funktioniert Wissenschaft. Einer findet etwas heraus (oder glaubt etwas herausgefunden zu haben) und veröffentlicht die Studie, andere lesen sie und finden ein Haar in der Suppe und widersprechen. Am besten noch untermauern sie ihren Widerspruch mit eigenen Studienergebnissen. Das ist wissenschaftlicher Diskurs und nur so funktioniert das auch, allen „99%-der-Wissenschaftler-sind-sich-einig“-Vertretern der Klimadebatte zum Bedenken empfohlen.

Vielleicht hat Herr Streeck aber doch (ein wenig) recht?

Ein Hamburger Pathologe gibt zu bedenken, die von ihm obduzierten sogenannten „Corona-Toten“ seien sehr schwer und lebensbedrohlich vorerkrankt gewesen. Keiner sei von Corona aus der Blüte seines Lebens in gesundem Zustand getötet worden.

Derweilen streiten Intensivmediziner heftig. Einige Pneumologen erklären, dass Intubation und Beatmung bei dieser Form der Lungenentzündung nicht sinnvoll sei, im Gegenteil. Daraufhin nehmen die Anästhesisten und Internisten unter den Intensivmedizinern den „Fehdehandschuh“ auf. Heftiger Streit um die angemessene Behandlung. Obwohl ich ja von Hause aus Anästhesist war, möchte ich doch den Argumenten des Pneumologen folgen: wenn keine Ventilationsstörung vorliegt, ist Intubation und Beatmung nur von nachrangigem Wert, denn die vorliegende Perfusionsstörung kann man damit nicht heilen. Beatmung muss nicht immer gut sein, schliesslich spricht für die Pneumologen-Sicht, dass man COVID-Patienten alsbald in Bauchlage bringen muss, um eine angemessene Oxygenierung zu erreichen. Bauchlage beim Sedierten, Intubierten und Beatmeten ist sehr aufwändig und leider nicht ohne Risiko. Einig sind sich dann aber doch alle, dass diejenigen, die intubiert und beatmet werden müssen, das schlechteste Outcome haben…

Und derweil diskutiert man immer noch die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit. Der Träger schütze sich leider nicht selbst – dafür fehlt es an geeigneten Masken – aber doch die anderen. Nun, wenn ich wieder ungehindert in der Öffentlichkeit umherlaufen kann, die Geschäfte wieder öffnen dürfen und unsere darniederliegende Wirtschaft vorsichtig wieder auf Touren kommt – dafür würde ich auch Maske tragen. Aber leider fehlt es ja an geeigneten Masken. Von Schutzausrüstungen im Gesundheitswesen mal ganz zu schweigen. Dafür jede Menge Anleitungen, wie man ohne viel Kunstgriffe selbst aus alten T-Shirts Masken fertigen kann. Erinnert so ein bisschen an die Aktion, den Soldaten vor Moskau vom Volk eine Winterausrüstung improvisieren zu lassen. Rührend. Ich will jetzt nicht fragen, warum unser Ausseniminister mehrfach Tonnen von Schutzausrüstung ins Ausland verschenkt habe, wie erzählt wird. Nein, will ich nicht.

Auch die Frage bleibe offen, wieso in erster Instanz Herr Spahn unser Gesundheitswesen als gut ausgerüstet und vorbereitet dargestellt hat, um dann eine Woche später zu erzählen, das Gesundheitswesen nutze die Ruhe vor dem Sturm, um sich vorzubereiten.

Und sonst?

Im Land alles wie immer. Kaum eine der Massnahmen erscheint so richtig bis zu Ende gedacht. Beim Lidl dürfen nur eine bestimmte Anzahl von Leuten rein, wegen des Abstands, hört man. Dass die, die nicht rein dürfen draussen dicht gedrängt in der Schlange warten müssen… who cares. Ist ja draussen.

Meine bevorzugte Autowaschstrasse hat auch auf COVID mit strengen Regeln reagiert. Es gibt jetzt nur noch zwei Waschprogramme, barfuss oder Lackschuh. Und auf Kartenzahlung möge man jetzt verzichten. Genauso wie auf das Aussaugen des Fahrzeuges im Anschluss an die Wäsche. Aber Waschen geht noch…

Der Bäcker akzeptiert jetzt auch für 2 Brötchen klaglos die unbare Zahlweise. Sogar Apple-Pay geht. Komisch, vor ein paar Wochen noch wäre ich beim Versuch, meine 2 Teile mit der Karte zu zahlen, unter bösem Gemaule des Platzes verwiesen worden. Dabei war beim Bäcker schon immer Hygiene Trumpf: die Verkäuferin trug stets Plastikhandschuhe. Und fasste damit wahllos entweder die Ware, das Geld an oder sich selbst ins Gesicht oder die Haare. Auf meine Frage, was dann die Handschuhe zu bedeuten hätten, kam wie aus der Pistole geschossen die Antwort: das ist wegen die Hygiene (sic!).

Dass Fussballstadien geschlossen sind, alle Veranstaltungen mit massenhaft Publikum jetzt eben nicht stattfinden können – wer würde daran zweifeln, dass so etwas Sinn macht. Anders schaut’s auf Tennis- und Golfplätzen aus. Spieltechnisch bedingt wäre da schon ein gewisser Mindestabstand – aber dem gemeinen Volk traut man sicher nicht zu, zu differenzieren. Also wird erstmal wahl- und ausnahmslos alles dicht gemacht, wo mehr als zwei Menschen aufeinander treffen könnten.

Und wo bitte ist die Rechtsgrundlage, Besitzer von Zweitwohnsitzen aus diesem auszuweisen? Oder Reisende nach Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein grundsätzlich die Weiterfahrt zu verwehren, wenn sie nicht ausreichend den wichtigen Grund für ihre Fahrt über die Landesgrenze darlegen können?

In den vorsichtig aufkeimenden Optimismus, die strenge Isolation könnte alsbald ein wenig zurückgefahren werden, platzt Frau von der Leyen mit ihrer Mahnung, einen Sommerurlaub solle man derzeit lieber nicht buchen.