Sizilien 2014

Ein paar Bemerkungen zu unserer diesjährigen Urlaubsreise

Wie sind wir ausgerechnet auf Sizilien gekommen? Nun, der Unmut über das hiesige Mai-Wetter, das erfolgreich einen guten April simulieren wollte und ein „Finger auf der Landkarte“. Naja, ausschlaggebend war die Info, dass dort 24°C Tageshöchstwerte und sonniges Wetter herrschten.

Bei nur 14 Tagen Aufenthalt lohnen sich eigene Anreise per Auto/Fähre oder Bahn nicht. Also: hinfliegen und Auto mieten. Gesagt, getan. Germanwings fliegt ab Hannover direkt nach Catania. Gut. Allerdings kommt man erst nach 17:00 in Catania an. Nicht so gut. Da Sonnenuntergang etwas nach 20:00 war, sollten wir nicht allzu weit fahren müssen bis zu unserem Hotel. Catania selbst kam nicht in Frage, der Urlaub sollte dann möglichst auch direkt losgehen.

Nach diversen Fehlversuchen (jedesmal viel zu weit von Catania entfernt! – man unterschätzt die Größe der Insel doch jedesmal beim Blick auf die Landkarte), haben wir unser erstes Hotel in der Nähe von Syrakus gebucht. Fahrzeit bis dahin ab Catania sollte eine Stunde betragen. Das schien zu schaffen.

Der Anflug auf Catania führte dann einmal um den Ätna herum, sehr eindrucksvoll! Im Anflug auf Catania einmal um den Ätna

 

Die Landung in Catania war dann noch eindrucksvoller, sie ähnelte mehr einem kontrollierten Absturz mit anschliessender Vollbremsung unter Verwendung von tüchtig Gegenschub – die Bahn in Catania ist sehr kurz und wenn man nicht von See her anfliegen kann, muss man wegen der Bebauung und einiger Überlandleitungen einen ziemlich steilen Anflugwinkel in Kauf nehmen. Das Maneuver hat dann die im hinteren Teil der Maschine Sitzenden zu Charterflug-ähnlichen Beifallsstürmen hingerissen. Aber immerhin waren wir heil und pünktlich da.

Leider war dann der Rest der Anreise etwas holperig: unser Mietwagenunternehmen unterhalte einen Schalter in der Abflugebene des Flughafens, hiess es in den Angaben, die mit dem Gutschein gekommen waren. Da haben wir erst mal ziemlich lange rumgesucht, um dann festzustellen, dass die Autovermieter jetzt ausserhalb des Airports residieren – zwar noch in fussläufiger Entfernung, aber immerhin. Dort angekommen, hiess es Geduld zu üben, die Schlange war lang und die Erläuterungen des Personals sehr umfangreich. Als ich dann endlich meinen Vertrag und die Wagenschlüssel in der Hand hielt, war es schon gegen 19:00 Uhr. Den Wagen fanden wir nicht am angegebenen Ort, Suchen brachte kein Ergebnis, weitere Minuten verstrichen mit geduldigem Warten, bis der einzige Angestellte auf dem Hof uns behilflich sein konnte. Nun, Koffer rein und los.

Die Autobahn Richtung Syrakus hatten wir auch alsbald erreicht. Unterwegs schon gab es gelindes Erschrecken beim Blick auf die Tankanzeige. Für „Voll“ hatte ich unterschrieben, voll sollte ich den Wagen zurückgeben – aber hier war der Tank nur halb voll. Uff. Reingefallen. Na, bis Syrakus wird’s schon langen.

Die Wegbeschreibung zu unserem ersten Hotel war detailliert und präzise. Bis ungefähr zum zweiten Kreisverkehr in Syrakus – keine der in der Wegbeschreibung erwähnten Möglichkeiten bot sich hier und so ging dann ein nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ angelegtes Probieren los. Das führte zu lustigen Rundfahrten im abendlichen Verkehr durch Vororte, deren Ambiente bestenfalls das Prädikat „interessant“ oder „pittoresk“ verdient hatte. Zielführend war dann beherztes Ignorieren der lückenhaften Wegbeschreibung. So kamen wir dann bei hereinbrechender Dämmerung ins Landschaftsschutzgebiet „Plemmirio“, wo auch der Sage nach unser Hotel lokalisiert werden könnte.

Nachdem die Dämmerung sich in absolute Finsternis verwandelt hatte (21:00 Uhr) und wir unserem Hotel trotz kreativer Interpretation der mitgelieferten Wegbeschreibung kein bisschen näher gekommen waren, wuchs der Unmut. Tank: nur noch viertel voll. Wetter gut. Lage: hoffnungslos. Natürlich ist das iPhone und die Karten-App in so einer Situation eine gute Hilfe – vorausgesetzt, man hat Netz. Und ein Datenroaming in die Wege geleitet. Hatten wir aber nur teilweise (Netz). Und so drehte sich das Zahnrad unermüdlich – aber keine Karte wollte laden.

Meine Navi-App zickte zunächst auch ein wenig herum, aber dann gelang es, die Karte für Italien auszuwählen. Eingabe der Adresse in der Kopfzeile der Hotelbeschreibung führte zu: „Strasse nicht bekannt“. In erster Instanz ein glorreicher Erfolg der modernen Hilfsmittel.

Nach weiterem kreativen (Konni formulierte es anders: verzweifelten) Herumkurven führte uns der Weg zu einem Hotel mit Betrieb auf der Terrasse. Dort höflich nachgefragt, soweit ich die paar italienischen Brocken zusammenbekam. Tja, „Plemmirio“, das sei „da hinten“. Unser Hotel? Unbekannt.

Schick. Also wieder das Navi gequält. Diesmal probehalber die zweite Anschrift für das Hotel von ganz unten auf der Wegbeschreibung eingegeben – und siehe da, die Stimme gab Anweisungen, wie ich nun zu fahren habe. Aber schon nach kurzer Fahrt hiess es völlig verblüffend: „Ziel erreicht“. Nun, das war jedenfalls höchstens partiell richtig, die Strasse, in der wir unser Hotel erwarteten, hatten wir erreicht, aber nicht das Hotel. Diese Adresse besass auch keine verwertbaren Hinweise wie Hausnummer oder Straßenkreuzung. Ende im Gelände. 21:30, Tank ging zur Neige, Laune auch. Wir fuhren mal solange die Strasse entlang, bis diese mitten im Naturschutzgebiet endete. Hier sollte nach der mitgelieferten Karte auch unser Hotel sein. Nitschewo. Finsterste Finsternis. Und so langsam überlegte ich mir Plan B: Zurück, tanken, Catania, Hotel, Rückflug am nächsten Tag. Mit wem auch immer.

Da plötzlich hatte ich Handynetz. Also mal flink das Hotel angerufen. Siehe, die Verbindung kam zustande, eine italienisch-englisch-betonte Kommunikation nahm ihren Lauf. Ich versicherte mehrfach, wir seien sowas von gewillt, heute noch einzuchecken, aber leider fehle uns das letzte Stückchen Weg. Wo genau wir denn seien – nun die Strassenbezeichnung konnte ich noch dem Navi entringen, aber mehr auch nicht. Wir sollten doch einfach da stehen bleiben, wo wir seien, man komme uns abholen.

Kaum zu glauben. Allerdings näherte man sich 22:00 und unsere Geduld war etwas sehr strapaziert worden. Jetzt untätig warten? Ach nee. Also einfach mal in die hell erleuchtete Bar gegenüber und da fragen. Wir wurden freundlichst auf Englisch mit Hilfe eines iPhone und der Karten-App ins Bild gesetzt. Nur noch die Strasse lang, am nächsten Kreisverkehr geradeaus und dann sei auf der linken Seite das Hotel zu sehen.

Uff. So nah und doch bislang so unerreichbar…

Wir also flink da lang – und siehe, ein leuchtendes Schild an der Einfahrt „Kalaonda Plemmirio Hotel„. Zumindest tröstet der Gedanke, dass wir hier heute abend noch nicht lang gekommen waren. Bevor wir die lange, dunkle und sehr holperige Einfahrt nehmen konnten, mussten wir erst einmal einen dunklen Seat Ibiza des Weges ziehen lassen, der mit Höchstfahrt das Hotelgelände verliess.

Richtig, wie wir dann am Empfang erfuhren, war das ein Kellner des Hotelrestaurants, der uns abholen gefahren war. Der kam dann erwartungsgemäss nach einer Viertelstunde ziemlich sauer wieder zurück.

Hätten wir doch nur das nötige Vertrauen aufgebracht…

Man könnte sagen: Ende gut – alles gut. Das Hotel erwies sich rundum als Volltreffer.

das ländlich gelegene "Kalaonda-Plemmirio-Hotel"
das ländlich gelegene „Kalaonda-Plemmirio-Hotel“

Schnell war eingecheckt und auch das Hotelrestaurant produzierte noch eine Kleinigkeit aus der Kalten Küche für uns, obwohl dort schon um 22:00 geschlossen wird. Besagter Kellner war dann mit ein paar freundlichen Dankesworten schnell besänftigt, lehnte aber standhaft den angebotenen Ersatz für seine Aufwendungen (Sprit ist in Italien deutlich teurer als hier) ab. Wir haben das dann mit einem dicken Trinkgeld ins Rechnungsmäppchen zu regeln vermocht.

Nach diesem furiosen Auftakt mal ein paar Tips, die solchen Stress vermeiden helfen könnten:

  1. Das Auto so gross wie nötig, aber so klein wie möglich mieten. Parkplätze sind in den Städten rar und teuer. Und viele Ortsdurchfahrten erstaunlich eng. Ein Fiat Punto sollte für 2 Personen und etwas Gepäck ausreichend sein.
  2. Angesichts der Treibstoffpreise kann sich ein Dieselfahrzeug deutlich lohnen. Wenn zu vertretbarem Preis zu mieten, würde ich das bevorzugen. Zumal man sich in Italien an fast allen Tankstellen bedienen lassen kann. Also keine Angst vor Diesel-stinkenden Händen.
  3. Verstauen Sie Ihr Gepäck ordentlich im Kofferraum, lassen Sie nichts auf dem Rücksitz für andere sichtbar liegen, wenn Sie kein Fan eingeschlagener Seitenscheiben und gestohlener Jacken (natürlich inklusive aller Papiere) sind. Bestenfalls im Fussraum vor den Rücksitzen darf etwas liegen, das Ihnen gehört – wenn Sie Wert darauf legen, dass es weiterhin Ihnen gehört.
  4. Zeit genug für die Fahrzeugübernahme einplanen. Alle Vorschäden (ja, die gibt es durchaus – und nicht zu knapp) sollten penibel im Übergabeprotokoll stehen. Tankfüllung, Ölstand und Scheibenwaschwasser prüfen. Werfen Sie auch mal einen Blick auf die Reifen. Das klingt vielleicht albern und trivial – aber wir hatten eiligst einen Wagen mit leerer Scheibenwaschanlage und halbvollem Tank übernommen – und unterschrieben, alles sei in Ordnung. Bei Rückgabe wird kontrolliert – und gegebenenfalls (sehr teuer!) nachgetankt. Auch neue oder neu entdeckte Schäden werden spätestens jetzt zum echten Ärgernis.
  5. Ist neben dem Warndreieck die in Italien im Pannenfall vorgeschriebene Schutzweste vorhanden?
  6. Nicht zu knapp mit der Zeit planen. Autobahnen auf Sizilien sind maximal zweispurig, es gibt viele Tunnel und viele Langsamfahrer. Auch Staus kennt man hier. Dazu kommen Wartezeiten vor Mautstellen. Und Baustellen. Baustellen. Baustellen…
  7. Der Verkehr funktioniert hier anders als bei uns. Was im Sichtfeld des Fahrers vor sich geht, muss dieser in seine eigenen Aktionen mit einplanen. Da gibt es beispielsweise Stopschilder wie bei uns. Anders als bei uns schleicht ein dort Wartender aber dann schon mal langsam vorwärts, um nach einiger Zeit mit der Front seines Fahrzeuges in den Verkehr auf der Hauptstrasse hineinzuragen. Spätestens jetzt muss man ihn hereinlassen… Nicht schlecht gestaunt habe ich, als ich das erste Mal auf diese Weise einen Linksabbieger auf eine Staatsstrasse mit mörderischem Verkehr beobachten konnte. Mit etwas Beharrungsvermögen hat er es tatsächlich geschafft, sämtlichen Verkehr auf der Staatsstrasse zum Halten zu bringen, damit er einfahren konnte. Ortsdurchfahrten dauern ewig. Einerseits die immer wieder überraschenden Aktionen der anderen Verkehrsteilnehmer, andererseits wird die eigene Fahrspur unverhofft durch Parkende eingeengt, die ihr Fahrzeug nicht korrekt in die Lücke rangieren, sondern das Heck einfach herausragen lassen… Wozu die Mühe, sie sind doch nur gerade mal kurz was einkaufen. 100 km Strecke können bei fünf Ortsdurchfahrten auf diese Weise durchaus mal drei Stunden dauern…. Auch der Gedanke, dass Sie stets und überall von Zweiradfahrern überholt werden, auch wenn zwischen Gegenverkehr, Zweirad und Ihren linken Aussenspiegel jeweils kein Zeitungspapier mehr passt, darf Sie nicht schrecken. Das gilt auch für ubiquitär überholende Pkws, ob vor Rechtskurven bei durchgezogener Linie oder im Überholverbot vor Schranken. Und beim Überholtwerden auf der Autobahn wundert man sich immer, weshalb die Überholer nicht komplett die Fahrspur wechseln, sondern im Millimeterabstand an einem vorbeischrammen und dann lässig wenige Meter vor einem wieder einscheren. Verkehr in Italien, speziell auf Sizilien, ist das gelebte Prinzip Hoffnung. Wird schon gutgehen.
  8. Allerdings beharrt niemand starrsinnig auf seinem Recht, ob Vorfahrt oder nicht, es wird alles unternommen, damit es eben nicht zu einem Unfall kommt. So tun sich auch bei den gewagtesten Überholmaneuvern noch immer die rettenden Lücken auf, wenn plötzlich auftauchender Gegenverkehr die Lage brenzlich macht. Und das macht bei allem scheinbaren Berserkertum das Ganze dann praktikabel. Und nach einer Weile hat man sich daran gewöhnt und findet alles erträglich, auch wenn ich nicht empfehlen kann, in allen Fällen so zu fahren, wie ein gebürtiger Italiener – es reicht, wenn man bei anderen damit rechnet….
  9. Ausserhalb geschlossener Ortschaften muss in Italien seit geraumer Zeit mit Licht gefahren werden. Die Italiener ignorieren das zum grössten Teil tapfer. Inwieweit die Polizei das sogenannte Tagfahrlicht akzeptiert, ist mir nicht bekannt. Wir haben keinerlei Kontrollen erlebt, daher weiss ich auch nicht, wie ernst der Polizei mit diesen Dingen ist. Im Zweifel kann man aber als Ausländer nicht sicher sein, ob so ein Verstoß nicht (zusätzlich) geahndet wird, wenn man wegen anderer Dinge sowieso angehalten worden ist.

So, genug der Angstmacherei.

Am nächsten Morgen gab’s dann erst mal eine sehr angenehme Überraschung: das Frühstücksbuffet. Reichhaltig, gut gepflegt und auch mit landestypischen Spezialitäten wie z. B. Sfoglio. Sehr untypisch für südländische Frühstückstische war die reichhaltige Auswahl an herzhaften Dingen, auch Eier/Speck und Würstchen. Sonst frühstücken die Italiener nämlich eher französisch – ein caffè und ein Hörnchen mit Marmelade drin – fertig.

Wir haben die Woche genutzt und einige Ausflüge ins Landesinnere unternommen, zum Beispiel nach Caltagirone.

Caltagirone - bekannt für seine Töpferwaren und natürlich diese Treppe
Caltagirone – bekannt für seine Töpferwaren und natürlich diese Treppe

 

Das ist jetzt der Moment, ein paar Worte über Reiseführer zu verlieren. Bekannte hatten uns einen etwas älteren, aber sehr ausführlichen Reiseführer geliehen – wir einen neuen gekauft. Dieser schmückt sich mit einem Weltreisenden älteren Semesters als Schirmherren – und erreicht qualitativ nicht ansatzweise dessen Schilderungen seiner eigenen Reisen.

Was muss ich einem Reiseführer entnehmen können? Natürlich Wissenswertes zu Kultur und Sehenswürdigkeiten. Aber vor allem auch Praktisches wie z.B. wen erreiche ich durch welche Notrufnummer. Und natürlich Nützliches. Beispiel: wie essen Italiener (also wann was?) Was sollte man an typischen Speisen probieren und ähnliches. Wie bestellt man richtig, wieviel Trinkgeld ist üblich/angemessen. Da waren wir bei M…P… leider völlig fehl am Platze. Und das finde ich betrüblich. Natürlich kann man so eine detailreiche Schilderung des Alltagslebens wie im Per Anhalter durch die Galaxis nicht unbedingt erwarten – aber enttäuschend ist es schon, wenn man nicht mal erfahren kann, dass am 2. Juni Nationalfeiertag (Staatsgründung) ist…

Sicher keine schlechte Idee, mehrere Tage darauf zu verwenden, Syrakus zu erkunden. Es gibt für jeden etwas zu entdecken, Historisches und Alltägliches, Ships und Shops. Die Fülle an – z.T. preiswerten – Restaurants trug das Ihre dazu bei, uns mehrfach in die Stadt zu locken. Zu Zeiten der Antike war das übrigens eine Mega-City mit ungefähr 500 000 Einwohnern. Dann kamen die Römer – und der Rest ist Geschichte.

Reste der Stadtmauer von Syrakus aus griechischer Zeit
Reste der Stadtmauer von Syrakus aus griechischer Zeit
ehemals Athene-Tempel, später zum Dom umgebaut

Wieder muss ich über unseren Reiseführer schimpfen – die versprochenen schönen Strände haben wir im Naturschutzgebiet Plemmirio nicht gefunden.  Entweder sind die inzwischen alle in Privatbesitz (es gibt mehrere „gated communities“ dort) und damit unzugänglich, oder der Begriff „schön“ müsste mal klar definiert werden. Einige vom Reiseführer empfohlene  haben wir aufgesucht – wie z.B. die Strände in Fontane Bianche. Aber so richtig überzeugen konnte uns das dann doch nicht.

So eine Woche ist schnell rum – und für uns ging’s damit weiter in den Nordosten. Der Reiseführer hatte darauf hingewiesen, Milazzo sei beliebt bei Touristen, unter anderem weil man von da aus die Liparischen Inseln per „Aliscafi“ genannten Tragflügelbooten erreichen könne. Also hatten wir uns dort ein Hotel gesucht. Mit keiner Silbe hatte der Reiseführer erwähnt, dass die halbe Bucht von Milazzo von einer großen Raffinerie eingenommen wird, deren Abgasfahnen dank beständigen Westwindes gottseidank meist weg von Milazzo wehen. Romantisch ist die ausgiebige Beleuchtung des Industriekomplexes nachts anzuschauen. Nun ja, man hätte selbstverständlich vor der Buchung die Dienste von Google-Earth in Anspruch nehmen sollen, wozu ich an dieser Stelle nur dringend raten kann!

Milazzo und die Bucht – links die Raffinerie

Aber sonst ist Milazzo schon eine gute Wahl. Das quirlige Örtchen bietet genug zu entdecken – man kann beispielsweise mitten unter den Fischern sein, die ihren Fang am Kai verkaufen oder ganz brauchbar shoppen gehen. Verkehrstechnisch ist Milazzo günstig gelegen – Ausflüge zu den Liparischen Inseln oder zum Ätna gehen von da aus in erträglicher Zeitspanne.

Das Kastell von Milazzo hat Ursprünge in normannischer Zeit
Das Kastell von Milazzo hat Ursprünge in normannischer Zeit

Unser erstes Hotel in Milazzo war das „Hotel Milazzo„, über booking.com gebucht – und dortselbst mit guten Kritiken versehen. Es handelt sich um ein erst im vorigen Jahr eröffnetes, blitzsauberes, wunderbar möbliertes, brandneues Hotel, das verkehrsgünstig gelegen ist. Man muss sich das dann aber so vorstellen: auf der einen Seite blickt man auf eine ESSO-Tankstelle, auf der gegenüberliegenden residiert ein Aluminium-Handel mit lebhaftem Lkw-Verkehr und Ladetätigkeit und auf der dritten blickt man auf eine Niederlassung des Schraubenfabrikanten Würth. Davon ist aber auf der hoteleigenen Website nichts zu sehen.
Wir befanden uns noch in fussläufiger Entfernung zum Hafen und Ortskern von Milazzo. Allerdings ist dieser Fussmarsch anstrengend und bei Dunkelheit nicht zu empfehlen; es geht schliesslich durch einen Industrievorort und zum Teil ohne Gehweg über die stark befahrene Strasse. Allerdings ist immer rechter Hand das Meer zu sehen….

Das Hotel wirbt auf seiner Webseite mit einem Restaurant, dessen Spezialität Fisch sei. Um ehrlich zu sein: die Karte enthält gar nichts anderes! Erst auf Nachfragen gab der Kellner dann zu, man könne auch Fleisch bekommen, das sie ja eigentlich nur für die Busreisegesellschaften gekauft haben – aber man wolle mal nicht so sein.
Was mir aber gar nicht gefallen wollte, war die Tatsache, dass dieses Hotel offenkundig auf Bustouristen, also größere Gruppen, eingestellt war. Beispielsweise wurde das freie WLAN ab 10:00 Uhr morgens abgeschaltet – da sind die Bustouris ja auf Fahrt. Gleichfalls abgeschaltet wurde zu diesem Zeitpunkt die Klimaanlage. Das ganze wurde noch getoppt durch das italienische Frühstück. Entgegen der Ankündigung in den Hotelinformationen durften wir dies dann nicht im Restaurant, sondern in einer Ecke zwischen Aufzug, Bar und Hotelrezeption einnehmen. Wir haben also schleunigst unseren Aufenthalt dort abgekürzt und sind innerhalb von Milazzo umgezogen.

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Milazzos Hafenpromenade

Ins Eolian-Milazzo-Hotel. Dieses glänzt durch seine Lage – von Restaurant oder Pool aus kann man einen wunderbaren Blick auf Milazzo und die Bucht (samt Raffinerie) haben und auch die Ausstattung ist nicht von schlechten Eltern. Am ersten Abend haben wir das Restaurant aufgesucht – umschwärmt von mehreren Kellnern haben wir ein zwiespältiges Abendessen eingenommen. Als primo hatte ich Caserecce alla Norma. In dem Bestreben, diese al dente zu servieren waren die Köche aber deutlich übers Ziel hinausgeschossen: aussen klebrig vor Stärke und innen noch roh. Sehr gut war dann secundo Entrecôte in Sauce alla Nero d’Avola. Total gut, total lecker. Das Dessert: Pannacotta mit geschmolzener Schokolade. Dazu ein Weinchen von der reichhaltigen Weinkarte. Diese erschreckte auf den ersten Blick mit Preisen von bis zu 380,- € pro Flasche – allerdings gab’s dann auch Weine zu 14,- €. Solchen kann ich mir auch leisten, man muss nur die Stirn haben, die Empfehlung des Kellners, dessen Finger eiligst auf die Flasche Weisswein zu 200,- € deutete, auszuschlagen.

Das Hotel liegt in einer Anlage, deren grösster Teil aus verkauften oder vermieteten Condos besteht und mutet an wie ein Hochsicherheitstrakt. Unser erster Versuch, das Gelände zu verlassen, scheiterte an doppelt mannshohen Eisengittern mit verschlossenen Toren. Keine Klingel inwändig zu entdecken. Wir hatten aber schnell den Bogen raus: entweder es begehrt gerade jemand die Einfahrt und der Sesam öffnet sich, oder man langt durchs Gitter zur Sprechanlage aussen, drückt die 1 und wartet, bis sich die Rezeption meldet. Die Rezeptionisten hatten alsbald gespeichert, dass diese komischen Tedeschi immer zu Fuss das Hotel zu verlassen beliebten und so wurde dann immer zeitgerecht das Tor geöffnet, nachdem wir freundlich grüssend die Rezeption passiert hatten.

Das Hotel firmiert als international erprobtes fünf-Sterne-Institut. Damit hat’s aber schnell ein Ende. Beispielsweise war den Rezeptionisten nicht leicht auf Englisch zu vermitteln, was ich benötigte. Die Zimmermaid hatte zwar aufgeräumt und zum Zeichen ihrer Kontrolle eine Siegelmarke auf die restlichen zehn Blatt Lokuspapier gepappt, die noch auf der Rolle waren – aber vergessen, die Reserverolle hinzustellen. Und mit zehn Blatt kommt man zu zweit nicht zurecht… Da hilft doch bestimmt ein Anruf an der Rezeption. Mein Begehr auf Englisch geäussert führte zu Murmeln, Tuscheln am anderen Ende – dann wurde aufgelegt. Hmmm, da ist noch Luft nach oben. Nochmal angerufen. Bitte wiederholt. Langsam. Diesmal wurde immerhin quittiert. Kurz darauf klopfte ein sehr verlegener Mitarbeiter an meine Tür und erkundigte sich erneut nach meinem Begehr. Ich zeigte ihm die kläglich dünne Rolle Lokuspapier und begehrte Ersatz. Er machte Anstalten, die Rest-Rolle einzupacken (wohl als Anschauungsmaterial?), was ich dann energisch unterbunden habe. Wenige Minuten später war er mit: einer Rolle Lokuspapier und diversen Handtüchern wieder da. Offenbar hatte er immer noch nicht verstanden, was diese komischen Tedeschi denn so von ihm begehrten. Also weit her ist es mit ihrem Englisch nicht (wie man auch an der Webseite des Hotels sehen kann).

Absolut nicht meckern konnten wir allerdings über das für italienische Verhältnisse reichhaltige Frühstücksbuffet. Eier/Speck/Schinken fehlten, aber sonst einfach nichts. Frisches Obst, Obstsäfte, reiche Auswahl an Kuchen und Gebäck, aber auch herzhafte Brötchen und Müsli / Joghurt. Gepflegt wurde das Buffet auch. Lästig nur, dass man den Kaffee nicht selbst zapfen konnte, sondern bestellen musste. Aber schon am dritten Tag brachte die Bedienung unaufgefordert Cappucino, wie wir an zwei Tagen zuvor bestellt hatten. Aufmerksam!

Ätna
Ätna

Einen Ausflug zum Ätna kann man problemlos von Milazzo aus machen – über die Autobahn. Wir nahmen den Landweg querfeldein, obwohl das dann viel Zeit für die Anfahrt kostete. Es gibt zwei befahrbare Anfahrtmöglichkeiten, die Südseite (gehört zur Gemeinde Nicolosi) und die Nordseite. Letztere haben wir auf einer Staatsstrasse quer durch die Berge angesteuert. Samstags. (Böser Fehler!) Hier wären ein paar Bemerkungen vom Reiseführer über die Bedeutung des Samstag in Italien angezeigt gewesen. Jeder fährt Einkaufen. Und sucht geduldig einen Parkplatz in der Nähe des Einkaufsziels. Sämtliche Ortsstrassen sind verstopft, die Zufahrten, selbst die Staatsstrasse; der Stau erinnert an New York zur Rush Hour. Lassen Sie es mich deutlich sagen: Man kommt nicht vorwärts! Hat man sich erstmal aus den Ortschaften ins Hinterland gerettet, wird die Fahrerei plötzlich sehr entspannt. Allerdings sind die kurvigen Bergstrassen nicht geeignet, ungefährdet Lkw zu überholen, es sei denn, deren Fahrer machen mit. Und das tun sie zumindest auf Sizilien häufig bereitwillig. Trotzdem rücken die Zeiger auf der Uhr unaufhaltsam vor – und der Ätna kommt nur langsam näher.

Der Ätna ist noch weit entfernt - aber seine Lava reicht bis hier! (Nordseite)
Der Ätna ist noch weit entfernt – aber seine Lava reicht bis hier! (Nordseite)

Und dann plötzlich steht man vor den Folgen eines ehemaligen Vulkanausbruchs. Obwohl noch gefühlte 20 Kilometer vom Ätna entfernt, hat dieser doch seine Lava mitten ins Weinbaugebiet vorgeschickt. Die Lava ist inzwischen kalt und unbeweglich, aber es nötigt doch einigen Respekt ab, wenn man sieht, wie knapp sie an einem Weingut vorbeigeschoben ist und wie unglaublich knapp sie vor einem ganzen Dorf zum Halten gekommen ist. Zum Trost hinterlässt sie aber einen ganz eigenen Geschmack des hier angebauten Weins. Sehr lecker!

Der Boden unter unseren Füssen ist noch warm - obwohl der letzte Ausbruch schon eine Weile her ist
Der Boden unter unseren Füssen ist noch warm – obwohl der letzte Ausbruch schon eine Weile her ist

An einem weiteren Tag haben wir dann die Autobahn benutzt, um die südliche Anfahrt auf den Ätna zu nehmen. Das ist weiter, geht aber deutlich schneller. Man kann in ruhigen Zeiten zwischen den diversen Nebenkratern herumwandern, bei einigen ist der Boden unter unseren Füssen noch deutlich warm (man fühlt’s sogar durch die Schuhe!), obwohl der letzte Ausbruch des Ätna schon ein Weilchen her ist. Faszinierend, wie schnell die Pflanzen von der Lava Besitz ergreifen. Und die Farben! Soviele verschiedene Brauntöne kann man sich zunächst gar nicht vorstellen. Man kann von der Südseite her mit einer Seilbahn auf den Hauptkrater hinauffahren, man kann geführte Wanderungen unternehmen – auch in Zeiten der Vulkanruhe würde ich auf eigenständige Aktivitäten verzichten.

 

Alt und neu zusammen. Aliscafo und Seegelschiff.
Alt und neu zusammen. Aliscafo und Seegelschiff.
Lìpari - Marina Corta, der Fischerhafen
Lìpari – Marina Corta, der Fischerhafen

Natürlich haben wir auch mal einen Tagesausflug per Tragflächenboot nach Lìpari gemacht. Man kann im Hafen von Milazzo am Fährterminal zwischen verschiedenen Gesellschaften wählen, deren Fahrplan umfangreich genug ist, auch Langschläfern einen solchen Trip zu ermöglichen. Früheste Abfahrt in Milazzo ist zum Beispiel 7:00 Uhr – das wäre uns zuviel Stress gewesen. Aber auch 9:30 und 10:30 stehen (zumindest in der Saison) zu Gebot. Nachmittags bis abends gibt es auch drei oder vier Abfahrtzeiten ab Lìpari, so dass man noch zeitig zum Abendbrot wieder in Milazzo sein kann – oder dieses auf Lìpari einnehmen und dann heimfahren.
Die Hinfahrt ist mit 17.50 € geringfügig teurer als das Rückfahrtticket – das liegt daran, dass die Einwohner der Liparischen Inseln den Brauch der „Kurtaxe“ dankbar angenommen haben, man zahlt also „Eintritt“. Man muss sich bei Buchung der Hinfahrt schon auf einen Rückfahrttermin festlegen, da die Kapazität der Aliscafi begrenzt ist – man kann nicht bei grossem Andrang einfach mehr zusammenrücken lassen. Infolge der hohen Geschwindigkeiten gibt es nur Sitzplätze. Der Hinweis, man möge seinen Sitz während der Fahrt nicht verlassen, erübrigt sich bei rauer See, wie sie bei unserer Rückfahrt herrschte. Der Fahrplan kommt dann schon mal durcheinander, da die Boote nicht mit ihrer gewohnten Höchstfahrt laufen können. Einerseits müht sich der Käpt’n schon, fahrplanmässig zu sein – aber das hat deutlich Grenzen in der Stabilität der Boote und kotzende Fahrgäste will man unbedingt vermeiden. Genauso das Umkippen der seitenwindempfindlichen Boote. Unser Steuermann hatte alle Hände voll zu tun, das Boot einigermassen zügig durch die kabbelige See zu bewegen, ohne querzuschlagen. Das hörte sich auch für die Passagiere schon nach sehr viel Arbeit an, ständig spielte er mit den Gashebeln und dem Ruder und ritt virtuos die kurzen Wellen ab – und trotzdem schien das Wasser über uns mehrfach zusammenzuschlagen. Man kann das Gefühl vergleichen mit einem Radfahrer, der in hohem Tempo eine Strasse mit Kopfsteinpflaster und vielen Bodenwellen langrast. Ziemlich anstrengend. Trotz dieses enormen Einsatzes kamen wir etwa eine halbe Stunde später als geplant an. Dafür aber heil. Wem die Rüttelei nicht zusagen mag, kann beruhigt eine der Autofähren nehmen, die die Liparischen Inseln auch fahrplanmässig bedienen. Dann ist die Fahrzeit etwa dreimal so lang; sonst braucht man für die Strecke Milazzo – Lìpari etwas mehr als eine Stunde (mit Zwischenstopp auf Vulcano). Aber dafür hat es dann mehr mit Seefahrt als Bullenreiten zu tun.