Unser Jacobsweg

Leserreise des Deutschen Ärzteblatts „Auf dem Jacobsweg (27.09. – 4.10.09)“

Wenn Sie jetzt denken „ach schon wieder einer, der über ’seinen‘ Jacobsweg schreiben muss“ – sollten Sie einfach wegklicken. Ich erhebe auch nicht den Anspruch, allumfassend kluge Gedanken zu äußern, aber wer weiß, vielleicht haben Sie Spaß an ganz persönlichen Reiseeindrücken.
Nein, ich bin nicht aus religiösem Eifer auf diesen Trip geraten. Es handelte sich – nach den Worten unseres Reiseleiters von „studiosus“ um eine „Luxuspilgerreise“ – Pilgern bedeute „sich annähern“ und das taten wir – wenn auch mit entsprechendem Comfort. Die ausführlichen Erläuterungen Herrn Treibers gaben immer wieder Anlass zum Nachdenken – und Nachlesen. Soweit war das mit dem „Annähern“ trotz Linienflug und Busrundreise inklusive Unterbringung in Luxusherbergen, den Paradores, schon richtig.

27.9.09

Der Start war ja schon mal vielversprechend. Unser Shuttle-Flug nach FRA stand 1:10h über die versprochene Startzeit hinaus am Boden, weil ein Schaltelement für die Notstromversorgung eines Teils der Instrumente auf der Co-Pilotenseite den pre-flight-check nicht bestanden hatte. Ersatz kam per Kurier aus Hamburg, der Techniker hat’s in aller Ruhe tief im electronics-compartment unter dem Copilotensitz verbaut, worauf der Copilot Zeit und Muße genug hatte, die hereintrudelnden Paxe persönlich willkommen zu heißen. Keiner trieb den Techniker zur Eile an und erst, als alles sauber verstaut war und sämtliche Tests bestanden hatte, konnte es losgehen. Dafür sollte man Verständnis haben – schließlich kann man in der Luft nicht einfach mal „rechts ranfahren und nachschauen“, wenn’s rote Lämpchen angeht.

Die Ruhe und Selbstverständlichkeit dieser Aktion hat mich tief beeindruckt – und auch wir in der Anästhesie sollten nach diesem Beispiel verfahren! Keine unnötige Hast und Eile, erst wenn „alles auf grün“ steht, sollten wir loslegen.
Im Gegenatz zu manchem Anderen hatten wir genug Luft in der Reiseplanung, damit unser Anschlussflug kein Problem war.
Im Anflug auf Bilbao entdecken wir dann später, dass die Häuser unter uns an die Schweiz oder Österreich erinnern. Ein wenig zweifeln wir am korrekten Kurs unserer Maschine, aber die Ansage im Landeanflug lässt keinen Zweifel: Bilbao im Baskenland ist unser Ziel.
Bilbao selbst ist dann eine einzige Überraschung. Ich kenne noch aus einem Spanien-Bildband aus den fünfziger-Jahren Bilbao als dreckige, trostlose Industriestadt. Aber das hat sich deutlich verändert, die Eisenhütten sind alle pleite und geschlossen und die Stadt setzt inzwischen auf andere Erwerbszweige. Da hat sie es ähnlich schwer wie das Ruhrgebiet, wo ja auch „Eisen-Kohle-Bier“ längst ausgedient haben.

Der Flughafen sieht bizarr aus, das Empfangsgebäude sei wie eine landende Taube gestaltet und der gegenüber stehende Tower wie ein jagender Falke. Nun, nachdem man uns das erklärt hat, erkennen auch wir das. Wem’s gefällt….
Die Fahrt geht auf frisch geteerten Straßen durch neuangelegte Tunnel in die Stadt. Dort liegt mittendrin, wie ein vom Himmel gefallener Fremdkörper, das Guggenheim-Museum.

Außen verwendete der Architekt Titan-Kacheln, die inzwischen mehrfach repariert und erneuert werden mussten. Sie korrodieren nämlich hervorragend im feuchten Klima.
Von Außen betrachtet ist das Ganze ein sehr voluminöser Prachtbau, aber als wir innen sind und die Exponate besichtigen wollen, stellen wir fest, dass es eng zugeht und viel zu wenig Stücke ausgestellt werden können. Nix mit „form follows function“. Reiseteilnehmer berichten, die ebenfalls von Frank Gehry entworfene Oper in Sydney (ja, ich weiß, ein anderer Architekt zeichnete verantwortlich – aber die Idee und Konzeption könnte von Gehry stammen) habe eine extrem schlechte Akustik.
Uns fällt das MARTA in Herford und das Schulungs- und Tagungszentrum des örtlichen Energieversorgers in Oeynhausen ein. Ebenfalls „zeitlose“ Hingucker, deren Funktionalität aber doch sehr zu wünschen übrig lässt.
Ein nettes Detail noch: die Fußgängerampeln gegenüber dem Haupteingang (dem mit dem Blumenhund)

zählen nicht nur einen count-down, wie lange man noch mit der jeweiligen Ampelphase beglückt wird, sondern das grüne Männchen ist animiert – es geht tatsächlich! Je näher das Ende der Grünphase kommt, um so schneller! Moderne LED-Technik macht’s möglich. Dem Guggenheim-Museum wird nachgesagt, allein seine Errichtung habe der Stadt Bilbao neue Impulse gegeben und sie von einem elenden, verrottenden Industriedenkmal, dessen Rost und Verwahrlosung auf das Vergängliche allen Irdischen hingewiesen habe, zu einer blühenden Stadt gemacht. Seit 10 Jahren etwa komme Studiosus nicht mehr an Bilbao vorbei und starte seine Jacobswegreisen von hier und nicht mehr von Madrid aus!
Unsere Wahrnehmung ist die einer gigantischen Baustelle. Geld wird hier ohne Ende verbaut und die meisten Gebäude weisen eben den Bezug zu örtlichen Gegebenheiten auf, den der Guggenheim-Palast vermissen lässt Na denn!
Die Stadt ihrerseits konterkariert die kalte Herrlichkeit durch ihre eigenen Ideen, so ist um das Museum herum eine Parklandschaft mit humanen Accessoires entstanden: Kinder haben ihre Freude an Wasserspielen, die unvorhersehbar Strahlen in verschiedene Richtungen – auch auf die Zuschauer – abfeuern oder Nebel, die plötzlich aufwallen, erzeugen können. Die Uferpromenade wurde neu gestaltet und lädt zum Sitzen ein. Einfach nur schön!

Weiter geht die Fahrt durch eine Landschaft, die an den Schwarzwald erinnert, bis nach Santo Domingo de la Calzada. Mitten im Weinbaugebiet der Rioja gelegen. Der Parador liegt schräg gegenüber der Kathedrale – die mit dem Hühnerkäfig.

Drin zwei „dienst habende Hähne“, deren Krähen während des Gottesdienstes als Glücksomen gedeutet wird. Die Geschichte dahinter: ein Jüngling in Begleitung seiner Eltern pilgert auf dem Jacobsweg. Man rastet in einer Herberge in Santo Domingo de la Calzada. Das Wirtstöchterlein entbrennt sofort in Liebe zu dem schönen, blondem Deutschen. Der will aber nix von ihr wissen. Aus Wut über die verschmähte Liebe hat sie ihrem Angebeteten einen wertvollen Silberbecher ins Gepäck geschmuggelt, ihn dann angezeigt und nach kurzem Prozeß (alles Leugnen half bei den Indizien nix) wurde er dann zur Strafe für sein Vergehen gehängt. Die Nacht am Galgen überstand der Jüngling unbeschadet – weil Santiago unter ihm gestanden und ihn gestützt habe. Die aufgeregten Eltern finden den jungen Mann noch lebend vor, stürzen zum Richter und berichten. Der lacht: genauso wenig wie die Poularden auf meinem Teller lebt euer Junge! Daraufhin erheben sich die bereits gebratenen Hähne und fliegen davon. Beweis seiner Unschuld!
Krude Story, aber nichts ist unwahrscheinlich genug, als dass es nicht geglaubt würde. Wahrscheinlicher ist, dass Mutter Kirche mal wieder lokale „heidnische“ Glaubenselemente aufgegriffen und für sich vereinnahmt hat. Darin sind sie nun mal Meister: kirchliche Feiertage korrespondieren auf wundersame Weise mit „heidnischen“ Festtagen, Kirchen wurden auf den ehemaligen historischen Opferstätten gebaut und so weiter und so fort. Aber egal – welche Kathedrale hat sonst noch auf der Welt einen eingebauten Hühnerstall?


Der Ort selbst ist bedeutungslos, aber liebenswert, gemächlich plätschert das Leben dahin – die Pilger sind kein Wirtschaftsfaktor, Weinbau nährt die Leute hier.

28.9.09
Am nächsten Tag ein Ausflug. Vor den Toren des Örtchens “Puente de la Reina“ auf freiem Feld liegt die kleine Rundkirche “Santa Maria de Eunate“.

Deren Umgang war früher überdacht. Dort lagerte man diejenigen, die den Weg vorzeitig beenden würden, zum Sterben. Nahebei der Friedhof der Jacobspilger, weit vor den Toren der Stadt. Quarantäne im wahrsten Sinne des Wortes.

Puente de la Reina – von einer Königin (welcher, das weiß man heute nicht mehr) gestiftete Brücke über die Arga. Im Ort laufen die verschieden Zweige des deutschen / italienischen / französischen Jacobsweges zusammen – ab hier gibt es nur noch “den“ Jacobsweg. Während wir noch vor dem Denkmal am Zusammenlauf der verschieden Wege versuchen, uns selbst und die Figur auf ein und dasselbe Bild zu bekommen, spricht uns eine Radfahrerin an. Sie komme aus der Gegend von Dresden und fahre mit dem Rad ab Arles. Sie habe eine furchtbare Nacht in einer Pilgerherberge verbracht, 150 Leute in einem Schlafsaal und bestimmt 20 davon schnarchen… es gibt sie also doch, die Szenen aus Hape Kerkelings Buch. Später besichtigen wir eine kleine Kirche, die aus zwei parallel ausgerichteten Kirchenschiffen mit 2 Altären besteht.

Man habe die erste, kleine Kirche durch einen Erweiterungsbau komplettiert, dann die Zwischenwand entfernt et voilà. Das Ganze gehörte den Tempelrittern, die ursprünglich zum Schutze der Jerusalem-Pilger gegründet, später ihre Tätigkeit hier ausübten (Sarazenen hatten Jerusalem erobert und als Pilgerziel unattraktiv gemacht, höchstens für Kreuzzüge taugte es noch). Ein Stück weiter eine Santiago-Kathedrale – hier liege aber der Jüngere (was sich nicht auf das Alter, sondern auf die Dauer seiner Gefolgschaft Jesu bezieht – der so genannte „Jüngere“ war eigentlich älter, aber kürzer unter den Jüngern), daher stamme der Ausdruck „“dies ist nicht der wahre Jacob“ – denn der liegt ja in Santiago de Compostela begraben. Diese Kirche hat es in sich. Neben dem Hauptaltar drei weitere, die Marienstatuen enthalten (in verschiedenen „Stadien“ der Darstellung, seien daher zeitlich nacheinander entstanden.) Weshalb mehrere Altäre zur Anbetung ein und derselben Person? Na, als Lohn für Beistand, also als Deal: Maria hilf und ich stifte einen Altar…
Wie subtil die christliche Propaganda arbeitet, kann man bei der Darstellung der Enthauptung Santiagos sehen: da ist ein römischer Legionär Ausführender – aber er benutzt einen Sarazenensäbel statt des sonst eigentlich zur Ausrüstung römischer Soldaten gehörenden „gladius“ – des Kurzschwertes.
Anschließend in La Guardia – einer “romantischen“ Kleinstadt mit ursprünglicher Bausubstanz Tapas gegessen und als Einstimmung auf die folgende Weinprobe schon mal einen Roten gekippt. Der ist hier landestypisch gekühlt – haut nicht so rein….


In der Bodega später festgestellt, daß als einzige Handarbeit noch das Aussortieren der Trauben übrig geblieben ist, danach regieren Stahltanks und Chemie. Ja, es gibt sie noch, die Eichenfässer, auch in dieser Bodega – aber das Meiste regeln Pumpen, Leitungen, Klärtanks etc. Wir sind ja auch in Eile – der 2008er Rioja ist bereits in diesem Jahr in den Läden. Früher undenkbar, einen so jungen Rotwein zu verkaufen, geschweige denn zu trinken. Modern times!
Abends beim Essen steht Fisch auf dem Programm. Nicht einfach Fisch, sondern “Stockfisch“. Nun, die Soße ist lecker, aber Stockfischfan werde ich auf diese Weise sicher nicht.

29.09.09
Weiterfahrt über Burgos

nach Leòn. Dort ein „Fünf-Sterne-Parador“. Bin mal gespannt, denn in Sto. Domingo waren Wollen und Können doch zweierlei! Einige Teilnehmer fanden abends ihr Zimmer nicht aufgeräumt vor. Der Service entspricht bei Tisch eher dem einer Hotelfachschulklasse im ersten Lehrjahr. Aber gemessen an den sonstigen Problemen in Spanien kleine Fische!
Hier boomen nur 2 Wirtschaftszweige: Tourismus und Bauwirtschaft. Genauer gesagt: Massentourismus und Bau. Gebaut wird immer noch – mit hohem Leerstand und fallenden Preisen. In mancher Gegend verfallen die Innenstädte, während die ehemaligen Bewohner in die Urbanisaziòn, die Vorstadt, flüchten. Nachzug durch Immigranten, manche Stadtzentren sind fest in afrikanischer und neuerdings auch chinesischer Hand.
Der Massentourismus ist dank Weltwirtschaftskrise inzwischen tot. Dazu noch die Separationsbestrebungen von Galizien, Katalonien und – am heftigsten – dem Baskenland. Man darf gespannt sein, wie das weitergeht, wo doch schon bei der FIFA Anträge auf Anerkennung einer Katalanischen, Baskischen, Galizischen Nationalmannschaft gestellt wurden (wie England, Schottland, Wales – nur mit mehr Nachdruck und politischem Ernst). Wenn Spanier eine Busreise machen, sitzen die Basken hinten, die Katalanen vorn und die Galizier und Kastilier teilen die Mitte untereinander auf. Beim Abendessen muß der Reiseleiter vier separate Tische bestellen, sonst gibt’s Zoff. Schöne Aussichten!
Ein Schumann’sches „Europa der Regionen“ würde tatsächlich das Ende der Nationalstaaten bedeuten – wobei aber laut Verfassung in Spanien das Militär die Einheit des Staates notfalls durch Waffengewalt aufrechterhalten müsste….
Wir besichtigen heute das Karthäuserkloster in Burgos. Prunkvoller Altar, direkt davor der Sarkophag des Königs und der Königin.

Welch ein Fortschritt innerhalb von nur 200 Jahren! Zunächst durfte selbst ein Kaiser nur vor den Toren einer Kirche bestattet werden, dann im nicht geweihten Vorraum der Kirche, dann (mit steigendem Anteil an der Finanzierung) schon im Kirchenschiff, bis der spanische König (von Kastilien und Leòn, um genauer zu sein) es bis mitten vor den Altar, wo die Gebete der Mönche erfahrungsgemäß den höchsten Wirkungsgrad entfalten konnten, geschafft hat. Na gut, dazu musste er das Kloster selbst gründen, bauen und einen Orden aussuchen, dem er das Ganze dann anvertrauen konnte. Money talks, halt auch und gerade zu der Zeit.
Auf dem Altarbild – besser: der Altarinstallation – dann unter anderem auch das letzte Abendmahl.

Jesus mit erhobener Schwurhand, wie wir es kennen. Der Sinn der Geste ist aber ein anderer: Hochschullehrer der damaligen Zeit signalisiserten so: „Ruhe jetzt im Auditorium, jetzt spreche nur noch ich, denn ich habe den Lehrauftrag“. Alle Jünger schwarzhaarig und vollbärtig, alle bis auf einen. Der ist blond gelockt, bartlos und hat weibliche Gesichtszüge. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Diesen Jünger nannte Jesus nur „meinen Lieblingsjünger“. War er doch liiert, wenn nicht gar heimlich verheiratet, wie gelegentliche Quellen vermuten?
Mittags dann zwei Stunden „zur freien Verfügung“ in Burgos. Eine laute und nicht so ansehnliche Stadt. Der Reiseleiter schleppt uns in eine Bar „Pancho“, wo wir das mittägliche Tapa-Essen mit einem Glas excellenten Weißwein beginnen.

Es gibt Tintenfische und Teile von Kraken. Der Lärm in dieser Bar ist enorm und wir flüchten. In einem Tabakladen bekommt Konni Briefmarken für die Karte aus Sto. Domingo – aber jetzt finden wir keinen Briefkasten. Seltsames Land hier. So unpraktisch. Nach dem Essen dann Besichtigung der Kathedrale von Burgos.

Nach dem vernichtenden Sieg über die Araber 1212 erbaut, ist sie äußerlich riesig, bietet im Innenraum nur Platz für ca. 40 Leute. Der Klerus unter sich; reine Machtdemonstration.

Später weiter nach Fromistà. Dort eine romanische Kirche aus der Zeit um 1000. Schön wiederhergestellt, aber im Innenraum ein Hall, daß man kein Wort versteht.


Dann nach Leòn.

Dort ein Parador der Klasse „gran lujo“. Gerhard Schröder habe hier gewohnt. Nach dem Abendessen noch ein wenig die Beine vertreten. Vor dem Parador dann wieder eine animierte Fußgängerampel wie in Bilbao. Doch kein spezifischer Gag der Guggenheim-Foundation!

30.0.9.09
Beim Frühstück ein kräftiges Chill-Out. Die Klimaanlage bläst wie im Hochsommer. Der Service ist uninteressiert und zäh. Aha, hier auch unterbezahltes uninteressiertes Personal. Das gibt Abzüge in der B-Note!
Und wieder Kirchenbesichtigung. Eine romanische Grablegungsstätte – Königsgräber ausserhalb der Kirche San Isidro (im nicht geweihten Vorraum). Die steinernen Sarkophage stehen einfach so auf dem Boden, die meisten schmucklos, einige graviert. Unterschiedliche Größen deuten darauf hin: einige waren nicht so recht lang König und starben schon jung oder gar im Kindesalter. Die Deckenmalereien sind beeindruckend. Für den Laien wirken sie etwas kindlich: die Proportionen zwischen Körper und Händen und Augen stimmen offenkundig nicht. Aber das alles hatte seine Bedeutung – je größer die Hände und Augen, desto wichtiger der Dargestellte. Genauso der Heiligenschein: je größer, je wichtiger sein Träger! Und nur in der Darstellung Gottes oder seines Sohnes findet man im Heiligenschein noch ein Kreuz. So erschließen sich manche Bilder erst richtig, wenn man die „Vokabeln und Grammatik“ der damaligen Bildersprache gelernt hat und anwenden kann.
Weiter zur gotischen Kathedrale.

Hier ist Fotografieren auch ohne Blitz nicht erlaubt, zwei Wächter mit Schlagstöcken kreisen unaufhörlich und setzen das auch durch. Innen viel prunkvolle Steinmetzarbeit. Das Verhältnis der vertikalen Teilung in „Untergarten“, „Epiphanion“ und „Obergarten“ betrage 4:1:4, das glaubt natürlich niemand, denn durch die perspektivische Verzerrung beim Hinaufschauen sieht alles gewaltig anders aus. Aber nun ja. Die bunten Glasfenster geben nur wenig Licht, das sei typisch für Spaniens Kathedralen, wenn die wie in Frankreich oder Deutschland oben viel Licht hereinließen, würden sie zum Gewächshaus mit Temperaturen um die 70°C. Daher seien in Spanien alle Kirchen relativ finster.
Anschließend Nachmittag zur freien Verfügung. Gang in die Altstadt, wo die gesamte Gruppe in den „Feuchtgebieten“ verschwindet, um mal wieder Tapas und Wein zu genießen. Wir verfügen uns aber nach kurzem Zögern zu einer Siesta ins Hotel zurück. Unterwegs kurz nacheinander ein Tabakladen (fehlende Briefmarke erstehen) und dann zwei Briefkästen mit der Inschrift „Correios“, die leuchtend gelb sind und tatsächlich die Karten schlucken. Leòn wird uns als „Stadt der Briefkästen“ in Erinnerung bleiben!
Und als Stadt der Gastfreundlichkeit. Unser Versuch, nach der Siesta auf einen Kaffee und einen Toast in die Stadt zu gehen, endet nach langem Umherirren in einer Bar/Cafe nahe der Kathedrale. Das Ansinnen, um 17:00 einen Käse-Schinken-Toast, wie auf der Karte angepriesen, zu ordern, wird barsch mit „isses schon zu spät für“ beschieden. Wir wollen in einer Chocolateria eine Schokolade und Bocadillos – auch nicht drin. Scheint hier ein Gesetz gegen zufriedene Gäste zu geben.
Erst die „Cafeteria El Peregrino“ serviert wie bestellt Caffè solo und Toast con jamon y queso, allerdings nur einen Toast, obwohl ich deutlich „dos“ bestellt habe und den caffè erst auf Nachfrage. Nun ja, ist schließlich zu voll drinnen, da kann die Terrasse schon mal das Nachsehen haben. Egal, Morgen sind wir hier weg. Später entdecken wir am Flußufer eine Gruppe alter Männer, die Boule spielen, dahinter aber ein seltsames Spielfeld, hier werfen Einzelne aus einem Eisenquadrat heraus Halbkugeln mit Effekt in ein entferntes Spielfeld mit 12 quadratisch angeordneten Kegeln und vorn rechts einem einzeln stehenden Kegel.

Nach dem Aufprall läuft die Halbkugel in einem eleganten Bogen durch das Kegelfeld und wirft gelegentlich einen oder gar mehrere Kegel um. Interessant. Heißt – wie einem am Rand angebrachten Schild zu entnehmen ist – „Boca“. Die Herren halten sich zugange. Als wir vom Spaziergang zurück sind, sehen wir immer noch die gleichen Gestalten voller Eifer und Ernst spielen.

1.10.09
Heute Bombenwetter, wohin wir auch fahren. Erstmal besichtigen wir wieder eine Bausünde von Gaudi. Der Bischofssitz von Astorga. Geld war ja genug da, also sollte er mal machen. Als er fertig war, hatte er alle Stilelemente der gegenüberliegenden gotischen Kathedrale mit eingebaut, ob das Sinn machte oder nicht. Der Bischof fand es genauso ätzend, wie wir – und seit Fertigstellung steht das Ding leer. Oigà!
Wir fahren weiter und etwa 7 km vor Villafranca del Bierzo entläßt man uns zu einer Wanderung durch die Weinberge.

Immer dem gelben Pfeil nach! Es ist bedeckt, aber warm und so findet die Windjacke den Weg in den Rucksack, der Pullover muß in die Hand, dann geht’s. Eine Hügellandschaft, die an die Rhön erinnert. Der Weg ist schnell geschafft, kurz vor dem Ort staubt uns ein Lieferwagen so richtig nett ein. Mein Entschluß steht – hier will ich nicht wandern, der Jacobsweg zu Fuß oder mit dem Fahrrad ist einfach ätzend.
Weiter zum Cebreiropass.

Dort in 1300 m Höhe ein Mittagessen nach Menü für 13,- € inkl. Kaffee und Tischwein. Im Kapellchen auf dem Paß das Gralswunder erläutert bekommen, dann noch eine

keltische Siedlungsstätte besichtigt. Weiter nach Montfort de Lemos. Der dortige Parador liegt oben auf dem Berg inmitten einer weitläufigen Landschaft. Aussicht pur.

2.10.09
Frühes Frühstück, der Reiseleiter hat zu früher Abreise eingeladen, damit wir zu einem bestimmten Zeitpunkt Ourense und die dortige Kathedrale erreichen. Zunächst alles nach Plan, wir besichtigen erstmal die zentrale Markthalle

und die dortigen (ekligen) Fischstände. Tintenfische, Kalamares, Kraken etc. Wer’s mag!
Weiter geht’s und auf dem Weg in die Altstadt kommen wir bei den in Stein gefassten heißen Quellen vorbei. Wir überraschen einen Obdachlosen bei der gründlichen Ganzkörperwäsche. Gekicher und respektlose Kommentare. Mich stimmt es traurig und nachdenklich zugleich. Wie tief kann ein Mensch sinken, dass andere sein letztes bißchen Privatsphäre so wenig respektieren. Und das auch noch lustig finden. Am liebsten hätte ich mich bei ihm entschuldigt.
An der Kathedrale dann eine Enttäuschung: es ist Namenstag eines Offiziellen, man gedenkt der Toten der Polizei und in diese Feier wenigstens dürfen wir nicht hineinplatzen.

Während wir noch auf eine Entscheidung unseres Reiseleiters warten und die mehr oder weniger würdevoll am Kirchenportal wartenden Polizisten beobachten, baut sich in einer Seitengasse eine Musikantentruppe mit Trommeln, Pauke und Dudelsäcken auf.

Was ein Fest, als wir der Darbietung noch in Richtung Kathedralenvorplatz folgen können. Echt melodiös und nicht halb so bombastisch-schneidend wie schottische Dudelsäcke.
Unten auf dem Platz trudeln immer mehr hochdekorierte Militärs ein. Allgemeines Salutieren, Hände schütteln, Rückenklopfen und Afjebütze bei den Damen in Uniform.


Auf der Weiterfahrt dann ein Exkurs des Reiseleiters über Begrüßungsformen.
Schulterklopfen bei den Männern stammt von der Suche nach auf dem Rücken verborgenen Langwaffen. Salutieren ist Zeigen der – leeren – Waffenhand.
An Vigo vorbei fahren wir nach Pontevedra, das uns mit einem kräftigen Scheißhausgeruch aus der Zellulosefabrik begrüßt. Auf der anderen Seite der Bucht muß – um noch Zeit totzuschlagen – ein antikes Fischerdorf besichtigt werden. Heute fischt man dort nur noch nach den Geldscheinen ahnungsloser Touristen im Stil von „fünf Häuser – acht Kneipen und zehn Andenkenläden“.
Der Parador von Pontevedra „Casa del Barón“ bildet den Höhepunkt unserer Paradores.

Ruhiger Innenhof, vorn ein Ziergarten mit Terrasse, dort in Ruhe ein caffè con leche und „tarta Santiago“ – mit allem Zubehör:

Vanilleeis mit einem Streifen Orangenjus und ein Bailey’s zum drüberkippen. Sonst ist die Tarta eine dröge Angelegenheit.
Die Altstadt ist eindrucksvoll, leider wird hier gerade ziemlich umfassend renoviert.

Auf der Herfahrt hat unser Reiseleiter darauf aufmerksam gemacht, daß die großen Holzeinschlaggebiete wieder aufgeforstet werden – mit Eukalyptus statt heimischem Gehölz. Der wächst doppelt so schnell und verspricht doppelten Profit in der Celluloseherstellung. Nur die heimische Tierwelt kann mit dem Zeug aber auch so gar nichts anfangen. Der Import von Koalabären nach Galicien lässt noch auf sich warten. Wahrscheinlich fehlt noch das Verfahren zur Celluloseherstellung aus Koalas.

3.10.09
Santiago de Compostela. Zu nachtschlafener Zeit wird geweckt, dem Hotel hat unser Reiseleiter ein vorverlegtes Frühstück um 7:45 statt 8:00 abgeschwatzt. Wir fahren eine Stunde und erreichen das Ziel aller Pilger. Der Bus darf – gebührenpflichtig – genau 10 Minuten auf dem Busbahnhof stehen, danach kostet jede weitere Minute 5 € – in Worten: fünf Euro!
Also im Schweinsgalopp absitzen und Richtung Kathedrale. Bereits auf dem Weg dahin ein Andenkenshop am anderen.
In der Kathedrale läuft alles gleichzeitig: im Innenraum ist Messe, während Pilger in der Umlaufbahn sind und gleichzeitig mehrere Führungen laufen. Wundersamerweise stört man sich gegenseitig kaum.


Wir besichtigen die Grabstätte, besteigen den Durchgang hinter dem Altar, um St. Jakobus die Hände auf den Rücken zu legen. Das ganze kommt mir seltsam vor. Unten ist ja noch Rest-Messe. Aber der Reiseleiter erklärt uns, dass die ausgeklügelte Lichtführung dafür sorgt, dass man uns hier nicht sehen kann.

Handauflegen ist aber nicht mein Ding, so passiere ich Jakobus mit einem interessierten Blick. Man erkennt hier mal wieder deutlich die drei Züge der katholischen Religion: zum einen die Philosophie, dann die Verwaltungsebene (der Klerus) und zum Schluß den Volksglauben – da muss man Anfassen, Streicheln, Küssen, um auch „etwas vom Heil und Segen“ abzubekommen. Die Katholen waren schon immer Weltmeister im Integrieren heidnischer lokaler Gebräuche – Weihnachten findet zur Zeit der germanischen Sonnenwendfeier statt, Ostern gibt’s die Fruchtbarkeit in Form von Eiern – wo in der heiligen Schrift kommt so etwas vor?
Auch hier finden wir auf einem Altar die Darstellung des Jakobus als „Matamorro“, als Töter der Mauren.

Da die unter seinem Pferd zertrampelten Mauren nicht mehr so recht ins Weltbild passen, sind sie kunstvoll mit Blumenschmuck getarnt. Dabei war das ja seinerzeit der Ursprung des Jakobuskults. Die christlichen Heere verloren serienmässig Schlacht um Schlacht gegen die nach Norden vordringenden Sarazenen, die Kampfmoral war mies und alles drohte den Bach runter zu gehen, da wurde zeitgleich das Grab des Jacobus des Älteren gefunden, die Knochen als seine identifiziert und der Heilige erschien dem Anführer der Christenheere und versprach ihm den Sieg. Was dieser natürlich nicht geheim halten konnte. Und siehe, das Schlachtenglück wendete sich, mit jedem gewonnenen Scharmützel wurden die Berichte tollkühner und zum Schluß hatte sich der Himmel aufgetan und auf einem weißen Pferd war der Matamorro erschienen, um ins Kampfgeschehen einzugreifen – was nachher tausende per Unterschrift bestätigten. Von da an konnten die Reyes Catholicos praktisch nicht mehr verlieren – und die Reconquista nahm ihren bekannten Lauf.
Auch heutzutage spielt der Matamorro noch eine große Rolle. Al Quaida hatte die Vorortzüge in Madrid gesprengt, als flugs der Heilige von seinem Podest weg und in Sicherheit gebracht wurde – angeblich wegen jäh notwendiger Restaurierungsarbeiten.
Wütende Proteste der Bevölkerung und anhaltende Blumenniederlegungszeremonien brachten die Offiziellen dann zum Einlenken und den Jakobus wieder auf seinen Platz.
Jedesmal aber, wenn die Sicherheitsstufe heraufgesetzt wird, rückt mit großem Aufgebot die Guardia Civil (Sektion Staatsschutz) an und ein jeder Besucher betritt die Kirche nur nach aufwendiger Personenkontrolle durch eine Schleuse.
Um 12:00 ist Pilgermesse. Und als besonderer Leckerbissen verbreitet sich die frohe Kunde, dass ein Trupp japanischer Pilger genug Geld zusammengekriegt hat, dass man das große Weihrauchfass, das ein Dutzend kräftige Männer über so eine Art Flaschenzug durchs Querschiff schwingen kann, mit den nötigen 5 Kilo glühender Holzkohle und 200g Weihrauch befüllen wird. Kostet ca. 200,- €! Nippon sei Dank kann mal wieder so richtig geräuchert werden.

Hier klicken zum Faß-Schwenke-Video

Für mich ist das alles nix, ich bin lieber an der frischen Luft und gehe die Rua Franco (sic) bis zum Ende, wo sich ein Park auftut. Dort gibt es einen Seitenweg, und hier bei der dritten Bank hat man dann den Ausblick, den der spanische Staat auf die 1,2 und 5-cent-Münzen prägen läßt.

Man denke sich nur die Baukräne weg, dann passt es.
Dort bringe ich eine Stunde zu und fotografiere immer wieder unter leicht geänderten Blickwinkeln die ständig in wechselnden Lichtverhältnissen erscheinende Szene.
Später treffe ich wieder meine Gattin, die auch den Anblick genießt. Wir müssen anschließend lange suchen, um eine Bar/Cafe zu finden, die etwas abseits vom touristischen Trampelpfad liegt, aber es gelingt und wir lassen uns auf einen Schinken-Käse-Toast und caffè con leche nieder.
Pünktlich sind wir wieder am Bus – nur der Reiseleiter fehlt, er bildet dann den krönenden Abschluß.
Zurück in Pontevedra ist gerade Flut, die Ria voll bis oben hin und stinkt nach gammeligem Fisch und Salzwasser. Da wird’s wohl bald regnen.

 

Fazit: Es war nicht billig, als Luxuspilger unterwegs zu sein. Oft sahen wir vom kommoden Bus aus die Pilger staubige und beschwerliche Wege gehen. Dieses Lebensgefühl blieb uns erspart. Trotzdem konnten wir einen Eindruck vom Jacobsweg mit nach Hause nehmen und dank kundiger Reiseleitung liefen wir auch nie ratlos an Kulturdenkmälern vorbei, wie man das als Einzelreisender doch immer wieder tut. Insgesamt ein empfehlenswertes Unternehmen. Wir würden jederzeit wieder so reisen.