Schizophrenie pur

könnte man nennen, was sich derzeit bei uns abspielt.

Da werden alle in einem nicht enden wollenden Mantra zur privaten Altersvorsorge aufgerufen.

Sicher. Ist ja auch jedem verständlich, dass die Wahlgeschenke der Bundesregierung in Form einer Mütterrente, Rente mit 63 und so weiter irgendwann ihren Erfindern auf die Füsse fallen werden. Künftige Generationen zahlen nicht nur mehr Beiträge, sie müssen auch mit weniger Rente auskommen.

Um so wichtiger, einen eigenen Vorsorgebeitrag zu leisten.

Andererseits – leicht machen sie’s einem nicht.

Ich werde so richtig ratlos, wenn ich mich umsehe und feststelle, dass da gar nichts existiert, mit dem ich vorsorgen könnte.

Aktien? Nun ja, im Moment ist noch viel Geld im Markt. Allerdings ist die erwartete Jahresendrallye ausgeblieben und macht einem veritablen Katzenjammer Platz. Und was soll man kaufen? Solange die Börsenblätter nicht müde werden, obskure Firmen mit nicht durchschaubaren Geschäftsmodellen im einen Heft hoch zu loben ob ihrer Innovativität und schon im nächsten Heft darauf einzuprügeln, fragt man sich doch, was tun?

Irgendwelche dividendenbringenden soliden Titel kaufen? Das haben andere auch schon und so sind solche Aktien eins: sehr teuer. Dazu noch sehr volatil. Der Kurs von gestern ist morgen schon Utopie.

Riester? Ist in meinen Augen der perfekte Betrug am Kunden. Habe ich einen Riester-Vertrag und segne vorzeitig das Zeitliche – kriegt meine Frau nix davon zu sehen. Es sei denn, sie hätte einen eigenen Riester-Vertrag. Aber dann muss sie dennoch meine bereits kassierten Zulagen wieder zurücküberweisen. Und was bieten sie an, die Anbieter von Riester-Verträgen? Keinen Sparvertrag im klassischen Sinn, eher eine fondsgebundene Lebensversicherung. Aber das ist doch genau das, wovor die Fachleute seit Jahrzehnten warnen! Und Wohn-Riester? Ist bei Abschluss, soweit ich das als Laie beurteilen kann, mit so vielen Unwägbarkeiten verbunden, dass man sich hüten sollte. Ausserdem ist meine selbstbewohnte Immobilie schon abbezahlt.

Also welche Sparprodukte? Zinsen gibt es schon lange keine mehr, weder auf Tagesgeldkonten noch auf langfristige Anlagen.

Letzter Schluss: doch in Aktien, Fonds (hier besonders gern wegen niedriger laufender Kosten in ETFS) und Anleihen investieren. Dumm nur, dass kurz nach dem Kauf der Kurs des erworbenen Produkts erst mal auf Tauchstation geht. Und – wenn überhaupt – nur langsam wieder in erfreuliche Höhen zurückfindet. Aber wir haben ja unseren Kostolany gelesen, der empfiehlt, nach dem Kauf das Ganze nicht vor Ablauf mehrerer Jahre wieder anzugucken. Und sich dann am – hoffentlich – erreichten Gewinn zu erfreuen.

Da platzt jetzt meine Depotbank ins Idyll.

Eine Nachricht informiert mich, ich möge mich nicht wundern, wenn am Jahresanfang 2019 erstmal Steuern zu entrichten seien auf die im Laufe des Jahres 2018 gehaltenen Fonds. Hä? Bislang hat der Fiskus meine im Depot befindlichen Aktien und Fonds doch in Ruhe gelassen. Weder musste ich Kursgewinne besteuern, noch haben mir Kursverluste irgendeine steuerliche Erleichterung verschafft. Erst bei Realisieren von Gewinn oder Verlust durch Verkauf der Produkte griff das Finanzamt ins Portemonaie, in meins, natürlich.

Was unter dem Aspekt der Altersvorsorge ja auch nicht sonderlich erfreulich war. Zumal ich die Anlagen ja aus versteuertem Einkommen getätigt habe.

Aber nun? Seit Seit 1. Januar 2018 ist die Reform der Investmentbesteuerung (InvStRefG) in Kraft. Ich muss, erstmals Anfang 2019, einen Teil meiner mit Fonds erzielten Kursgewinne versteuern.

Das Ganze berechnet sich auf ziemlich komplizierte Art und Weise. Hat der Fonds Ausschüttungen getätigt, die ich bereits versteuert habe, wird diese Abgabe auf fiktive Kursgewinne damit verrechnet. Ist es ein thesaurierender Fonds – Pech, da wird nichts verrechnet, aber ich darf erst mal zahlen. Verkaufe ich diesen Fonds später, wird der erzielte Gewinn gerechterweise mit den Steuern auf fiktive Gewinne verrechnet. So ungefähr habe ich meine Bank verstanden. Man kann das Ganze auch hier nachlesen – ich bitte um Meldung, wenn jemand das wirklich verstanden hat.

Fazit: ein völliges Novum. Erstmals in der Geschichte der Steuer werden unter dem Deckmantel der Steuergerechtigkeit fiktive Gewinne besteuert.

Jetzt gibt es nur noch eine Kleinigkeit zu beachten: Die Bank zieht am Jahresanfang die Steuer ein und führt sie ans Finanzamt ab. Weist das mit dem Depot verbundene oder das als Verrechnungskonto dienende Girokonto nicht die erforderliche Deckung auf – dann geht’s halt ins Minus. Einer solchen ungeplanten Kontoüberziehung kann man vorher widersprechen. Dann wird aber von der Bank gedroht, sie müsse einen mangels Deckung unterbliebenen Einzug der fälligen Steuer dem zuständigen Finanzamt melden. Ich solle mich vorab dort erkundigen, was dann passiert.

Ja, mir käme da sofort eine Alternative in den Sinn. Man könnte doch auch von der zuständigen Bank frühzeitig eine Mitteilung erhalten, dass am soundsovielten Dingsbums der Steuerabzug in Höhe von xx Euro erfolgen soll. Und dann notfalls selbst für die erforderliche Deckung sorgen. Das Finanzamt lässt bei Steuernachzahlungen ja auch eine gewisse Frist, innert derer man den fälligen Betrag überweisen soll, bevor es dann ungemütlich wird.

So in etwa habe ich meiner Depotbank geschrieben. Man darf gespannt sein, was passiert.

Aber unterm Strich sehe ich nicht, wie auf solche Art eine Altersvorsorge in eigener Regie zu messbaren Ergebnissen kommen soll. Ich sollte doch wohl meinen namhaften Lottogewinn in einen Auszahlplan stecken, um nicht im Alter auf Karibikkreuzfahrten verzichten zu müssen.

Und damit kommen die durch!

Neulich in der Süddeutschen über einen Artikel unter der Überschrift „Wann sich Riester lohnt“ gestolpert.

Darin fand sich der Satz: “ Man muss frühzeitig anfangen, zu sparen, um der Altersarmut zu begegnen.“

Diese Binsenweisheit setzt ein studierter Mitarbeiter der Wirtschaftsredaktion in die Welt. Studiert hat er wirtschaftspolitischen Journalismus. Na, der sollte es doch wissen.

Ich zitiere mal:

„Das Riester-Modell sollte vor allem Geringverdiener vor Armut im Alter zu schützen. Damit das funktioniert, müssen Sparer einiges beachten. “

Krause Rede – krauser Sinn?

Aber schau’n wir mal weiter:

“ […] Insbesondere Geringverdiener sollten ausdauernde Sparer sein. Nach Möglichkeit zahlen sie den gesamten Eigenbeitrag für die volle staatliche Zulage ein. ‚Eine bessere Rendite gibt es nicht. Menschen mit 450-Euro-Jobs können mit einem jährlichen Beitrag von 60 Euro eine Förderung von 154 Euro erhalten‘, sagt Ortmann“

Der zitierte Weise namens Ortmann ist Direktor des Instituts für Transparenz.

Bevor wir jetzt glückliche Alte auf Malle oder Gran Canaria ihr so Erspartes verzehren sehen, bleibt noch die Frage, wie viele hundert Jahre man denn so sparen muss, um die Altersarmut zu vermeiden.

Es geht schliesslich um die ungeheure Summe von 214,- € im Jahr.

Vor allem beim derzeitigen Zins ist das mit der Eigenvorsorge auf diese Weise ja gar nicht so einfach.

Nein, einen Trick, wie man das so angesparte Kapital vervielfacht, hat nicht in dem Artikel gestanden. Da hätte man sicher schon mehr als eine Kombination aus Panama- und Paradise-Papers gebraucht…..

Mein Weltbild, in dem die renommierte Süddeutsche einen festen Platz im Gebäude sachlicher Informationsbeschaffung hatte, ist ziemlich ins Wanken geraten.

Seit wann wird eigentlich nicht mehr nachgerechnet, bevor man solche „Empfehlungen“ veröffentlicht?

Früher hätten die Setzer protestiert, die Drucker die Maschinen angehalten – aber heute, im Zeitalter des online-Journalismus ist solcher Schmarrn fix in die Welt gesetzt.

Aber Leuten, die hier nicht laut aufschreien, kann man sicher auch eine Jamaika-Koalition als Wählerwillen verkaufen.

„Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht….“

 

 

Das Rad neu erfinden

muss Herr Draghi gar nicht.

Er könnte auch die FAZ lesen:

Lernen von Japan
Die Verbraucher halten sich zurück, die Unternehmen schwimmen im Geld. Magere Wachstumsaussichten bremsen den Investitionswillen. Japan lernt eine bittere Lektion. Ein Kommentar.
27.03.2016, von PATRICK WELTER, TOKIO

Kommt mir jetzt bekannt vor.

Kann es sein, dass die Kritiker Mario Draghis und seiner „Gelddruck-Politik“ Recht haben?

Vermutlich ja.

Jetzt müsste man jemanden finden, der diesem Unsinn ein Ende macht, bevor die Altersvorsorge-Produkte für Millionen Leute wertlos werden, bevor die berufsständischen Altersversorgungen Pleite gehen…

Herr, wirf Hirn vom Himmel – und verschone diesmal Frankfurt nicht!

Oder schick jemanden, der Draghi stoppen kann!