Böhmermann und kein Ende

Vor allem auf Facebook fällt bei Veröffentlichungen zu diesem Thema auf, wie viele Leute

  • kaum der Deutschen Rechtschreibung mächtig sind
  • Satire, Humor, Komik und Beleidigung nicht auseinanderhalten können
  • plötzlich mindestens ein juristisches Staatsexamen abgelegt zu haben scheinen

Also mal langsam und zum mitschreiben.

Böhmermann.

Wer war das nochmal?

Der hatte doch mitten in die aufgeregten Diskussionen in der griechischen Finanzkrise Öl ins Feuer gegossen, als er zugab, das Varoufakis-Stinkefinger-Video „getürkt“ zu haben (hahaha). Nicht sofort, sondern erst, nachdem gebührend Aufregung um diese Geste entstanden war und der damals amtierende griechische Finanzminister von Vater Jauch ordentlich angemuht worden war.

War das witzig? War das Kunst? Naja, die Antwort kann er sich sicher selbst geben.

So, und nun zum Erdogan-Ziegenf*****-Gedicht.

War das witzig? War das Kunst?

Die Antwort erhält er dann vermutlich in Kürze. Von einem ordentlichen Gericht. Sein Risiko, ernsthaften Schaden als Folge solcher Beleidigungen davonzutragen, schätze ich mal als gering ein.

Ja richtig. Beleidigung. Einen anderen Menschen der Sodomie zu bezichtigen, ohne dafür auch nur hinreichende Beweise zu haben, ist eine Beleidigung, auch wenn der Andere ein momentan sehr unbeliebter ausländischer Politiker ist. Und so etwas wird weder von der Kunst- noch Pressefreiheit geschützt. Und ist leider auch nicht im Mindesten humorig/witzig.

Jedenfalls ist Böhmermanns Risiko viel geringer, als wenn er die Stirn besessen hätte, das Ganze in Ankara und auf Türkisch zu Gehör zu bringen. Das wäre doch mal witzig gewesen!

Oder mindestens für den nächsten Darwin-Award gut.

Meine Mutter jedenfalls hat mich gelehrt: „Wenn du jemanden beleidigen willst, musst du stärker oder schneller sein, als er. Sonst gibt’s was auf die Jacke.“ So aus sicherer Entfernung, aus einem öffentlich-rechtlichen Fernsehstudio, ginge auch. Aber dagegen, dass für solche „Kunst“ meine Gebühren verbraten werden, dagegen habe ich was. Und dafür müsste man im Sender die entsprechenden Verantwortlichen auch mal belangen!

Berliner Schnauze

Der berühmte Berliner Humor. Ganze Abhandlungen sind darüber geschrieben worden.

Damals, als Student, hatte ich ihn ja ausgiebig kennenlernen dürfen.

Frisch aus „Westdeutschland“ importiert, hatte ich gewagt, einen Bus durch die Seitentür zu betreten. Ei wie denn auch, ich hatte ja eine gültige Zeitkarte. Und da durfte man bei uns in Dortmund seit gut drei Jahren ohne Kontrolle durch den Fahrer einsteigen, sofern man im Besitz eines gültigen Fahrausweises war. Was also war falsch am Einsteigen durch die Seitentür?

Na jedenfalls hat mich der Busfahrer mit einer unverständlichen Mitteilung über seinen Bordlautsprecher begrüsst, ich hatte das alles nicht mitbekommen / auf mich bezogen / nicht verstanden.

Und sass weiter frohgemut im Oberdeck und wartete geduldig, dass es losgehe.

Mitnichten!

Motor aus.

Neue Durchsage: „Wenn dea Hea, wo jerade hinten einjestiejen is, nich sofort heakommt und mia sajn Fahausweis voazeicht, denn fah‘ ick nürjendwohin!“

Aha. Der kategorische Imperativ.

Eilends präsentierte ich meine Dauerkarte und wurde nach drei oder vier mehr oder weniger freundlich-ermahnenden Sätzen wieder auf meinen Sitz entlassen, worauf hin die Fahrt auch tatsächlich losging.

Fragt man einen Berliner nach dem Weg (wohlgemerkt, einen Eingeborenen, keinen ‚gelernten‘ oder gar Neuberliner), wird erstmal gegrummelt: „Watt’n, ham’wa denn keen Stattplahn?“ oder „Warum fraren se mia, seh ick etwa aus wie de Auskunft?“

Aber dann hilft er doch, soweit möglich.

Wir haben zum Jahreswechsel ein paar Tage in Berlin zugebracht.

Irgendwann hatten wir auch Lust auf einen Besuch bei den Stachelschweinen.

Die sind im Europacenter unten im Keller, da ist neben dem Theater auch eine Kasse. Aber die hatte geschlossen.

Ein Schild im Fenster wies auf (spartanische) Öffnungszeiten hin und dann noch darauf, dass man ja Karten auch im Voraus an der Theaterkasse im Erdgeschoss erwerben könne.

Wir also da rein. „Nee, ham’wa keen Zujriff drauf, wir kommen nüscht in deren Systeehm. Abba da voane, inne Mitte, da issn Stand, da kann man ooch Kahtn kaufn. Da wo ‚Infoamasjohn‘ dransteht“.

Aha.

So kurz vor 11 Uhr kam da Leben auf, eine Dame erschien und machte Anstalten, den Stand zu eröffnen.

Wir also hin.

„Na abba doch nüsch voa Ölf!“ wurde unsere Frage nach Karten beschieden. Es war zwei Minuten vor 11 – Öffnungszeiten standen nicht angeschlagen, aber unser Vergehen, uns nicht kundig gemacht zu haben, wann wir das Wort an sie richten durften, wurde uns noch mal gnädig verziehen.

Wir drehten noch eine Runde durchs Europacenter. Damit sie sich in Ruhe wappnen könne.

Um kurz nach 11 schien es dann möglich.

Ja, sie habe noch Karten für heute Abend. Welche ich den jetzt kaufen wolle. (Leichte Ungeduld in der Stimme.)

„Tja, wo kann man denn am besten sehen – wenn ich mir schon noch was aussuchen darf?“

Ui. Falsche Frage.

„Na, Männeken, wohea soll ick denn nu wissn, wo Sie am besten sehn könn’n?“

Unzweifelhaft eine Eingeborene!

Jetzt nur keinen Fehler machen! Pöbelt man zurück, wird’s richtig ärgerlich. Also erfolgreich so getan, als habe ich sie nicht verstanden, geduldig stillgehalten und einigermassen freundlich gelächelt. Irgendwann kam sie dann doch mit einem brauchbaren Vorschlag rüber und wir schlossen die Transaktion zu beiderseitiger Zufriedenheit ab. Der Berliner kann nämlich Schweigen auf seine Pöbeleien nur ganz schwer ertragen und gibt sich dann doch einen Ruck.

Ist ja im Grunde ein Guter – kann’s nur nicht immer so zeigen…