Zweierlei Mass

Ich erinnere mich noch gut. Damals, mein erstes Auto, ein VW-Käfer, 1300er, mit sagenhaften 34 PS.

Und weil es optisch gut aussah, habe ich auf meine Auspuff-Endrohre zwei im Kaufhaus erstandene, verchromte Blenden gesteckt. Optisch kam der Käfer jetzt einem Formel-1-Rennwagen nahe.

Die Freud hielt nicht lang. Eines Tages „Allgemeine Verkehrskontrolle, Führerschein, Fahrzeugschein bitte“ hatte mich die Trachtengruppe Grün-Weiss am Wickel.

Nach kurzem, kundigem Blick auf die Renn-Auspuff-Blenden wurde nach dem ABE-Kennzeichen gesucht – und nichts gefunden.

Au Weia! Jetzt folgte eine langatmige Belehrung, die Betriebserlaubnis sei erloschen durch das Anbringen von Teilen, die keine Allgemeine Betriebserlaubnis haben. Noch am Ort der Kontrolle musste ich die Dinger abfummeln, sonst hätten sie mir die Weiterfahrt untersagt.

Wohlgemerkt: die Blenden haben technisch am Abgassystem meines Autos nix, aber auch rein gar nix bewirkt. Allerdings hätte ich nur solche mit technischer Abnahme und Allgemeiner Betriebserlaubnis montieren dürfen. Strenge Regeln.

Und heute? Ist sicher ein Riesen-Unterschied, ob ich (Einzelner) gegen Regeln verstosse und erwischt werde, oder ob ein ganzer Konzern die Abgaswerte trickreich geschönt hat.

Was ist nun die Reaktion von offizieller Seite auf diese Manipulation?

Eigentlich müsste die Betriebserlaubnis widerrufen werden, bis die korrekten Abgaswerte bestimmt und in die Zulassung eingebracht worden sind. Eigentlich.

Kann man aber nicht machen, die halbe Republik könnte einstweilen wochenlang nicht Autofahren.

Die grüne Plakette müsste ab von solchen Vehikeln.

Kann man aber nicht machen, die halbe Republik könnte einstweilen wochenlang nicht in die Innenstädte mit ihren Umweltzonen einfahren.

Nein, das geht so nicht.

Also, wenn nur genügend Delinquenten da sind, wird ungesetzliches Tun mit einem zugekniffenen Auge toleriert. Oder hätten die erwischten Autokonzerne schon irgendwie verlauten lassen, wie’s nun weitergehen soll?

Damit macht sich unser Staat – und gleich alle Gesetze mit – unglaubwürdig.

Täuschung mit System

Anfangs der VW-Abgas-Manipulation konnte man noch für kurze Zeit glauben, das sei ein Fehler bei VW und die anderen Hersteller aussen vor.

Inzwischen werden immer mehr Manipulationen offenkundig.

Der ach so saubere Daimler-Benz mit Dieselmotor verwendet – wie die Lkw – den Ad-Blue-Zusatz, um Abgase von Stickoxiden zu befreien. Aber anders als bei den – inzwischen streng kontrollierten – Lkw-Motoren verbraucht so ein Pkw-Motor erstaunlich wenig vom Harnstoff-Zusatz.

Und siehe da, auch hier werkelt eine entsprechend konfigurierte Software, damit man als Laie glauben mag, einen „sauberen“ Diesel zu fahren, ohne sich allzu sehr um den Ersatz verbrauchter Harnstofflösung kümmern zu müssen.

Und nun noch die Meldung aus der FAZ obendrauf, dass Mitsubishi schon seit 1991 mit entsprechend konfigurierter Software die Verbrauchswerte künstlich kleinrechnet.

Äh – wen überrascht das jetzt noch? Geahnt haben wir es ja schon immer, dass die im Testzyklus errechneten Verbrauchswerte Lottozahlen ähnlicher sind, als der Wirklichkeit nahe.

Aber so langsam platzt mir der Kragen:

Wo sind denn eigentlich die Verbraucherschützer? Wo die grossen Automobilclubs, die sich sonst immer vorschnell positionieren?

Warum gibt es keine Liste der Übeltäter, damit man diese zur Not mal mit Kaufverzicht darüber belehren kann, dass solche Manipulationen zu nichts führen? Jedenfalls nicht zu höheren Absatzzahlen und Gewinnen.

Beim Geldbeutel hört der Spass dann auf – und das ist lehrreicher für die Konzerne, als irgendwelche verschärften Vorschriften. Deren Einhaltung dann eher mehr oder weniger kontrolliert wird. Ganz wie gehabt.