Die Gutenᵀᴹ

Neulich im Regionalexpress.

Halt im Bahnhof, aufgeregte Durchsage: „Ist zufällig ein Arzt an Bord?“

Sogleich melden sich zwei aufgeregte Damen mit „wir sind Ärztinnen“ und werden in die zweite Fraktion des zweiteiligen Zuges geführt, wo sie sich um einen Passagier mit Herzproblemen mühen.

Natürlich muss der örtliche Notarzt kommen.

Wir warten geduldig. In der Ferne ist das Martin-Horn (jawohl, das heisst so und nicht Martin“s“horn, weil die Firma, die das entwickelt hat, Martin heisst und das Ganze nicht Martins Horn ist) zu hören.

Es erscheint ein schwer bepackter Sani auf dem Bahnsteig und verschwindet im Zug. Einige Zeit später keucht ein älterer Kollege – der Notarzt – die Treppen hinauf und verschwindet ebenfalls.

Es dauert nicht lang, da führen sie den Patienten gemeinsam die Treppe hinab zum RTW. Nanu? Wohl doch nicht so eindeutig ein Herzinfarkt und damit Lebensgefahr.

Nach einiger Zeit setzt sich unser Zug auch wieder in Bewegung.

Nun hält der TF (Triebfahrzeugführer) die Zeit für gekommen, sich in einer langen Tirade über einen Passagier zu beschweren, der die ZUBin (Zugbegleiterin – heute sagt man nicht mehr „Schaffnerin“) mit der Frage: „Wann geht’s denn weiter?“ traktiert hatte, woraufhin sie ihm tüchtig empört ins Gewissen redete, seine Frage sei unangemessen, da kämpfe ein Mitmensch um sein Leben und bedürfe ärztlicher Zuwendung und er sei so egoistisch, nach der Weiterfahrt zu fragen. Ihm war offenbar die Art und Weise, wie seine an sich harmlose Frage instrumentalisiert wurde, ihn als Egoisten zu brandmarken, zuwider und es entspann sich ein heftiger Wortwechsel. Daraufhin beschwerte sich die ZUBin beim TF und dieser verstieg sich zu der Ansage über die Lautsprecheranlage, Gottseidank habe der Egoist den Zug verlassen; er werde solche Passagiere keinesfalls in seinem Zug dulden und persönlich hinausbegleiten. Nebst einigen ergreifenden Bemerkungen zu Menschlichkeit und Mitgefühl.

In erster Instanz waren natürlich alle auf seiner Seite.

Aber erinnert dieses Verhalten der Gutenᵀᴹ nicht an die Coronazeit und wie allerorten die eigensüchtig Ungeimpften traktiert wurden? Oder die Behandlung politischer Abweichler? Wir geben ihnen keine Bühne und noch weniger dulden wir sie in unserer Mitte!

Wo sind wir gelandet, wenn eine simple Frage – die man auch einfach mit „Zur Zeit ist der Notarzt im Zug und wir wissen nicht, wann’s weitergeht“ hätte beantworten können – zu solchen Gefühlsausbrüchen führt. Mit anschliessender moralischer Verurteilung eines „Egoisten“. Möglicherweise hatte er  ja auch unter Kopfhörern abgeschirmt von den Vorgängen keinerlei Kenntnis und da ist seine Frage sicher nicht aus Egoismus und bar jeden Mitgefühls gestellt worden.

Aber wir wissen natürlich: schon die Frage an sich kann nur ein absoluter Egoist bar jeden Mitgefühls stellen. Und damit Anklageerhebung, Urteil und Vollstreckung. Ohne Einspruchsmöglichkeit!

Die Spaltung unserer Gesellschaft hat schon tiefe Gräben gerissen und sich erstaunlich verfestigt.